Sport : Schießen nach Tönen

Die blinde Verena Bentele gewinnt bei den Paralympics im Biathlon ihre zweite Goldmedaille

Annette Kögel[Pragelato]

Eigentlich würde Verena Bentele sich jetzt lieber rausführen lassen in die bitterkalte Winternacht hier oben auf 1800 Meter Höhe, raus zur Open-Air-Bühne vom Internationalen Deutschen Club auf dem Marktplatz von Sestriere und mittanzen zur Musik. Doch sie muss ein Interview nach dem anderen geben. Gefragt ist sie unter anderem, weil sie bei den Winterparalympics von Turin inzwischen schon zweimal Gold gewonnen hat: erst im Langlauf über fünf Kilometer Freistil – und am Dienstag beim Biathlon über 7,5 Kilometer. Die blinde Athletin gehört aber nicht nur wegen ihrer Erfolge zu den besonderen Persönlichkeiten im deutschen Team. Verena Bentele vermittelt ihrem Gegenüber in Sekundenschnelle, dass sie kein bisschen behindert ist, nur weil sie nichts sieht.

„Wir haben doch schon im Zieleinlauf miteinander gesprochen“, sagt die 24 Jahre alte Studentin aus München gut gelaunt. Stimmen erkennt sie sofort wieder, und auch auf der Strecke gibt es keine Orientierungsschwierigkeiten. Mit ihrem 38 Jahre alten Vorläufer Franz Lankes aus Vachendorf im Chiemgau trainiert sie seit mehr als drei Jahren, da erkennt sie die Richtung der Strecke an jedem Zuruf und Schaben des Skis auf dem Schnee. Wenn sie zum Schießstand muss, klopft ein Helfer auf den Boden – hier bitte hinlegen. Kopfhörer auf, Ton im Gehör, und je gleichmäßiger das Tackern wird, desto genauer zielt der Gewehrlauf. Auf den gut gefüllten Rängen an der Wettkampfstätte Pragelato fragen einige Zuschauer, ob sie denn keine Angst habe, ins Nichts zu laufen. „Da kann doch nicht viel passieren, außer dass man mal eine Absperrung mitnimmt oder im Tiefschnee landet“, antwortet Bentele, die wie ihr Bruder und Teamkollege Michael blind zur Welt kam. „Ich bin ja das einzige Mädel im Team, und da ist es gut, dass Michael dabei ist, so sind wir beide auf einem Zimmer.“

Verena und Michael wuchsen auf dem Biobauernhof der Eltern in Tettnang in Oberschwaben auf, beide haben sich dem nordischen Skisport verschrieben. Wenn Verena einen Kompagnon zum Joggen sucht, hängt sie manchmal einfach einen Zettel an der Uni aus, da melde sich schnell einer. Wann immer es geht, trainiert sie mit Franz Lankes zusammen – mit dem gleichen aufwändigen Trainingsprogramm wie ihre sehenden Kollegen. Bentele kam bei den vergangenen Winterspielen in Salt Lake City mit gleich vier Medaillen nach Hause.

Gibt es Rituale vor einem Wettkampf? „Beim Einschießen höre ich immer mit null Fehlern auf“, sagt sie. Besonders motivierend sei dann in der Loipe, „dass mich an jedem Hügel Leute mit Kuhglocken anfeuern“. Dass hingegen sogar die Welt- und Europameisterschaften von Leistungssportlern mit Behinderungen „von den Medien ignoriert werden“, ärgert die Paralympics-Siegerin. Sie selbst hat das Glück, Sponsoren an ihrer Seite zu haben, sie hält die Spiele auch für eine Chance, den Behindertensport in der Öffentlichkeit bekannter zu machen.

Fällt man nach so einer Euphorie wie in Turin im Alltag nicht in ein Loch? „Klar fällt das Umstellen nach so einem Großereignis schwer, und es ist doof, einfach wieder so in der Uni zu sitzen.“ Doch dann wird sie sich die Unterlagen für Germanistik, Linguistik und Pädagogik nach den Vorlesungen im Hauptstudium wieder einscannen und in Braille-Blindenschrift übersetzen. Und auf ihren Traumberuf hinarbeiten: Rhetoriktrainerin für Sportler. Jetzt, sagt sie, habe ich aber genug erzählt. Sie will hinaus in den Schnee und die nächtliche Kälte, zum Feiern bei Livemusik. Das Leuchten der Berge im Mondlicht wird Verena Bentele spüren.

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