Sport : „Schießt! Schießt!“

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Seogwipo. Der König verabschiedete sich von seinem Volk. Erst schritt er in die Nordkurve, klatschte und winkte, dann zur Gegentribüne, von dort weiter in den Süden, und als er den Eingang zum Spielertrakt erreichte, waren die meisten seiner Kollegen fertig geduscht. Man muss nicht viel wissen über José Luis Chilavert, den Torhüter der Paraguayer, um seine Bedeutung zu erahnen. Man muss ihn nur beobachten: wie er sich selbst feiert und wie er sich vom Rest der Welt feiern läßt.

„Chilavert ist das Herzstück der Mannschaft“, sagt Teamchef Rudi Völler, der mit den Deutschen am Samstag auf Paraguay trifft. „Er bestimmt, was passiert.“ Auch wenn Chilavert nicht mehr über jene Stärken verfügt, die ihn dreimal zum Welttorhüter des Jahres gemacht haben. Im nächsten Monat wird er 37 Jahre alt. Offiziell verteilen sich bei ihm 89 Kilogramm Körpergewicht auf 1,94 Meter Länge. Die Waage, die diesen Wert ermittelt hat, muss manipuliert worden sein. Als er vor anderthalb Jahren zu Racing Straßburg wechselte, wog Chilavert verbürgte 102 Kilo. Brasiliens Nationaltrainer Luiz Scolari hat seinen Spielern vor dem Qualifikationsspiel gegen Paraguay empfohlen: „Schießt! Schießt! Chilavert schleppt 400 Kilo Fett mit sich rum.“ Paraguays Kapitän mag solche Sprüche nicht. Einst verprügelte er einen Journalisten, der geschrieben hatte, Chilavert habe zugenommen.

Die Deutschen sollten ihn nicht provozieren. Im Qualifikationsspiel gegen Brasilien spuckte er Roberto Carlos ins Gesicht, und in Argentinien wurde er zu einer dreimonatigen Gefängnisstrafe verurteilt, weil er einen Platzwart niedergeschlagen hatte. Die Strafe musste er nie antreten. Ohnehin handelt er stets im n der Gerechtigkeit. Deshalb möchte er Staatspräsident des lange Jahre von der Militärdiktatur geprägten Paraguay werden. „Ich will dieses Land reinwaschen“, sagt er. Im Vergleich dazu wirkt sein Ziel bei der WM – der Titel – bescheiden.

Bescheidenheit ist keine Eigenschaft Chilaverts. In Paraguay hat er das Papa-Mobil erstanden, mit dem Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch durchs Land chauffiert worden war. Man kann sich vorstellen, dass auf dem Platz keiner wagt, sich Chilaverts Anweisungen zu widersetzen. Ungern lässt er sich davon abbringen, Freistöße zu schießen. „Vielleicht treffe ich ja gegen Deutschland“, sagt Chilavert. 58 Tore hat er in seiner Karriere erzielt, die meisten per Freistoß und Elfmeter, achtmal traf er für die Nationalelf. Gegen Slowenien setzte er bei der WM einen Freistoß an die Latte. Seine Schüsse mit links besitzen außergewöhnliche Präzision.

Auch in Straßburg wird er deshalb verehrt. Mit Racing ist er zurück in die Erste Liga aufgestiegen. Seine Verpflichtung im Winter 2000 hatte Chilavert vor allem seinen guten Beziehungen zum Vereinspräsidenten Patrick Proisy zu verdanken. Proisy ist der Europa-Chef der amerikanischen Vermarktungsagentur IMG, bei der auch Chilavert unter Vertrag steht. Racings damaliger Trainer Claude Leroy wusste nichts von der Verpflichtung, war nicht begeistert – und wurde einen Monat später entlassen. Der Klub stieg ab, erreichte aber das Pokalfinale. Im Elfmeterschießen hielt Chilavert zwei Schüsse und verwandelte den entscheidenden Elfmeter. „Wenn es um etwas geht, dann bin ich da“, sagte der Torwart. Stefan Hermanns

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