Sport : Schimpfen und schunkeln

Argentiniens Ärger über Platz zwei währt nur kurz

Michael Rosentritt

Nürnberg - José Pekerman saß im Mannschaftsbus in der ersten Reihe und wippte mit dem Kopf wie der berühmte Wackel-Dackel für die Hutablage. Der Grund dafür befand sich hinter dem Rücken des argentinischen Nationaltrainers. Nach dem 2:2 gegen die deutsche Elf veranstaltete die Mannschaft des 55-Jährigen eine Polonaise südamerikanischer Art, weshalb das startbereite Gefährt bedrohlich zu schaukeln begann. Einige Spieler trommelten mit den Händen rhythmisch gegen die Scheiben, andere hüpften und tanzten mit nacktem Oberkörper durch den schmalen Gang.

Pekerman ließ die Seinen gewähren. Das Schauspiel gegen Mitternacht dauerte an die zehn Minuten. Dabei gab es doch gar keinen Grund für diese Ausgelassenheit. „Ich bedaure sehr, nicht gewonnen zu haben“, sagte der Trainer, dessen Mannschaft so nur den zweiten Gruppenplatz hinter den Deutschen belegt. Doch bei den Spielern war der Ärger darüber schnell verflogen. „Ich fühle mich sehr wohl, vor allem wegen der zweiten Halbzeit. Die Mannschaft wird von Spiel zu Spiel besser, so dass ich mir vorstellen kann, im Finale zu stehen“, sagte der erneut überzeugend spielende Riquelme.

Riquelme ist längst zum Leitwolf dieser jungen argentinischen Mannschaft aufgestiegen. „Es ist gut zu wissen, dass ich dieses Vertrauen genieße. Das befreit mich.“ Dazu beitragen dürfte auch die Nachricht, die ihn gestern erreichte. Der FC Barcelona hat den 27 Jahre alten Mittelfeld-Regisseur endgültig an den FC Villarreal transferiert. Beim spanischen Provinzklub hatte er zu alter Stärke gefunden und den Verein zuletzt in die Qualifikation zur Champions League geführt. „Ich spüre, dass wir jetzt auch mit dem Nationalteam vorwärts kommen“, sagte Riquelme.

Pekerman hat zu dieser Mannschaft ein besonderes Verhältnis. Fast alle Spieler kennt er aus seiner Zeit als U-20-Trainer. Kapitän Sorin, Riquelme, Aimar, Cambiasso, Scaloni und Torwart Lux wurden unter ihm 1995, 1997 oder 2001 Juniorenweltmeister. Anders als die Deutschen, die unter Jürgen Klinsmann vor allem auf Kraft- und Konditionsfußball setzen, resultiert die zum Teil brillante Spielweise der Argentinier aus taktischer Finesse und technischer Dominanz. Unter Pekerman hat Ballbesitz höchste Priorität.

Der zweimalige Weltmeister von 1978 und 1986 scheint auch aus der jüngsten Vergangenheit gelernt zu haben. Bei der vergangenen WM in Südkorea und Japan stimmte das Timing nicht. Argentinien hatte ein Jahr zuvor den Zenit erreicht. „Wir liegen im Fahrplan“, sagte Pekerman. Den Mannschaftsbus hatte er damit nicht gemeint.

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