Sport : Schimpfen und siegen

Nach dem 3:2 in Freiburg pflegen Herthas Spieler und Trainer die Kultur der Kritik

André Görke

Berlin. Die Gemütslage der Berliner Fußballprofis war am Abend nicht besonders gut, und sie wurde im Laufe der Nacht nicht viel besser. Mannschaftskapitän Dick van Burik, so etwas wie die feste Institution der Kritik bei Hertha BSC, monierte am Tag nach dem 3:2-Auswärtssieg beim SC Freiburg, dass „wir nach dem Anschlusstreffer aufgehört haben, Fußball zu spielen“. Und dass es seiner Mannschaft wieder nicht gelungen sei, „einfach mal locker ein Spiel zu gewinnen“. Der Niederländer meinte das gar nicht so böse, wie es seine verkniffene Gesichtsmuskulatur erahnen ließ. „Aber es ist so“, sagte van Burik. „Wir können nun mal erst richtig zufrieden sein, wenn wir gerettet sind.“

Seit sieben Jahren steht van Burik bei Hertha unter Vertrag, er kennt das Geschäft, er kennt Berlin. Die Stimmung dreht in der Stadt überaus schnell. Nach der 0:4-Niederlage zum Rückrundenstart bei Werder Bremen schimpfte eine Boulevard-Zeitung: „Ihr seid die Schande Berlins!“ Zwei Wochen später heißt es jetzt: „Zauberfußball!“ Dabei ist Hertha in Freiburg lediglich das gelungen, was die Mannschaft in den Monaten zuvor nicht schaffte: mal zwei Spiele hintereinander zu gewinnen. Am Grundsätzlichen jedoch, sagt Dick van Burik, „hat sich gar nichts geändert“.

So viel Vorsicht war selten in Berlin. Doch nach dem Spiel in Freiburg steckt Hertha immerhin in einer Situation, die viele der Mannschaft vor zwei Wochen nicht mehr zugetraut hatten. „Wir sehen wieder Land“, sagt Manager Dieter Hoeneß. Vor zwei Wochen lagen die Berliner drei Punkte hinter dem rettenden 15. Tabellenplatz – und auch drei Punkte hinter den Konkurrenten im Abstiegskampf. Nach dem 1:0 gegen Stuttgart haben die Berliner auch gegen Freiburg gewonnen und damit Anschluss ans Mittelfeld der Liga gefunden. „Wir sind trotzdem noch in akuter Abstiegsgefahr“, sagt Trainer Hans Meyer. Doch durch den Sieg ist aus drei Konkurrenten im Abstiegskampf eine „schöne Gemeinschaft aus fünf, sechs Klubs geworden“.

Hertha gehört immer noch zu dieser Gemeinschaft, und daran wird sich in den nächsten Wochen auch nichts ändern. Aber die Chancen sind besser geworden, auch in der kommenden Saison in der Bundesliga mitspielen zu dürfen. „Wir haben Freiburg näher an uns herangezogen“, sagt Hans Meyer.

Der Trainer folgt in seiner ganz persönlichen Tabelle dem Prinzip, dass nur Auswärtspunkte auch wirklich Gewinne sind. Heimsiege sind so etwas wie Pflicht. Und da nicht nur der SC Freiburg am Wochenende im eigenen Stadion Punkte abgab, sondern auch Eintracht Frankfurt (1:1 gegen Hansa Rostock) und Hannover (2:2 gegen Bayer Leverkusen), hat Hertha die Situation erheblich verbessern können. „Der Kreis der gefährdeten Mannschaften ist größer geworden“, sagt Meyer. Der Erfolg in Freiburg ist jedoch nur etwas wert, wenn Hertha auch am kommenden Sonntag im Olympiastadion gegen Eintracht Frankfurt gewinnt, einen der Konkurrenten im Kampf gegen den Abstieg.

Auch daher kommt die Vorsicht der Spieler vor zu naiven Sprüchen. Die letzte Viertelstunde, in der Hertha zwei Gegentore kassierte und immer nervöser wurde, hat gezeigt, „dass wir noch einiges zu tun haben“, sagt Hans Meyer. Die Verunsicherung in den letzten Minuten war auch auf der Tribüne zu spüren. Dort saß Manager Hoeneß, ehe er zur verbalen Unterstützung an die Seitenlinie eilte. „Mir hat nicht gefallen, dass wir noch so ins Schleudern geraten sind“, sagte er. Doch der Rückfall in alte Zeiten blieb Hertha diesmal erspart.

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