Sport : Schippen für Sven Hannawald

Für die Vierschanzentournee muss Schnee importiert werden

Benedikt Voigt

Oberstdorf. Ungläubig blickten die Besucher im Ortskern von Oberstdorf auf die Wetterstation an der Touristeninformation. 13 Grad leuchteten dort in roten Ziffern auf, 13 Grad plus wohlgemerkt. Der Durchschnittswert im Dezember beträgt in Oberstdorf normalerweise 2,1 Grad minus. Wer als Wintersportler auf einen Messfehler hoffte, den enttäuschte das daneben hängende Fax vom Deutschen Wetterdienst aus Oberstdorf: „Ein Tief über den britischen Inseln lenkt in den nächsten Tagen milde Luft nach Bayern, dabei kommt in unserem Raum Föhn auf.“ Schlechte Nachricht für Claus-Peter Horle.

Der Präsident des Oberstdorfer Organisationskomitees sagt: „Wir müssen höllisch auf unseren Schnee aufpassen.“ Bei frühlingshaften Temperaturen muss Horle am Sonnabend auf der Schattenbergschanze die Qualifikation für das erste Springen der 51. Vierschanzentournee durchführen. Es wäre nicht das erste Mal, dass nur die Schanze und der Auslaufbereich wie eine lange, weiße Zunge auf dem grünen Schattenberg liegen. „Aber so viele Probleme mit dem Schnee hatten wir noch nie“, sagt Horle.

700 Kubikmeter Schnee schmolz der Föhn in den vergangenen Wochen am Fuße der Schattenbergschanze weg. Horle musste vor Weihnachten 120 Lastwagen nach Rohrmoos schicken, um sie mit unpräpariertem Schnee zu beladen. „Das ist unser Bayerisch-Sibirien“, sagt er. Zum 32. Mal organisiert Horle das erste Springen der Tournee, die Prozedur des Schneeholens im Kleinwalsertal ist er gewohnt. Wichtig sind Wege, die neben einer breiten, für Lastwagen zu befahrenden Straße liegen. Dann fahren eine Fräse und der Wagen nebeneinander her, gleichzeitig schaufelt die Fräse den wertvollen Schnee in das Transportfahrzeug. In Oberstdorf beginnen bei den aktuellen warmen Temperaturen die Probleme. „Wir müssen den Hang stabilisieren“, sagt Horle. Am besten gelingt ihm das mit Salz, wie es auch auf Brezeln verwendet wird. „Dieses Salz könnte man sogar essen, es hat die beste Stabilität."

Da trifft es sich gut, dass sich der Oberstdorfer Organisationschef diesmal um die Anlaufspur keine Sorgen machen muss. Eine Allgäuer Firma hat dort erstmals ein Kühlungssystem eingebaut, das den Schnee selbst bei warmer Witterung konstant auf vier bis fünf Grad minus hält. Das hat nicht nur den Vorteil, dass der Untergrund nicht dahinschmilzt. „Mit unserem System ist gewährleistet, dass alle Springer innerhalb eines Durchgangs die gleichen Anlaufbedingungen vorfinden“, sagt Ralf Morent, der Erfinder des Kühlschranks für den Schnee. Auch begünstigt eine gleichmäßige Anlaufspur größere Weiten.

Die neue Kühlanlage kostete nicht viel. „Wir sind das Versuchsobjekt, deshalb haben wir es einigermaßen günstig bekommen“, sagt Horle. Etwas über 100 000 Euro kostete das Schlauchsystem mit den 200 Litern Kühlflüssigkeit. Insgesamt kommt das erste Springen auf einen Etat von 1,2 Millionen Euro. Schon jetzt hat sich die Anschaffung gelohnt. Für die neue Oberstdorfer Schanze, die im kommenden Jahr gebaut wird, soll die Kühlung der Anlaufspur ebenfalls eingebaut werden. Dann wird das neue Stadion 27 000 Zuschauer fassen, für das morgige Springen sind 18 500 zugelassen.

Momentan liegen auf der Oberstdorfer Schanze 2300 Kubikmeter Schnee. Claus-Peter Horle und seine Helfer werden an diesem Wochenende jedes Gramm pflegen müssen. Womöglich muss er sogar noch einige Lastwagen nach Österreich schicken, um noch weiteren Schnee zu holen, den Oberstdorfer Freiwillige dann in der Nacht auf den Aufsprunghang schaufeln werden. Denn als Aussichten für die nächsten Tage meldet der Deutsche Wetterdienst für Oberstdorf: „Nachts frostfrei, tagsüber weiter mild."

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