Sport : Schläge im Becken

Warum die Wasserballer die Spanier nicht mögen

Martin Hägele[Athen]

Thomas Schertwitis ist ein kräftiger Mann, 120 Kilo schwer und knapp zwei Meter groß. Wie geschaffen für Wasserball, diesen Kampfsport für die ganz Harten, wo man nicht nur schnell schwimmen und gut werfen, sondern vor allem trickreich ringen muss unter der Oberfläche, so dass die zwei Schiedsrichter die Fouls vorm Tor nicht erkennen können. Trotzdem wird das Spiel heute Nachmittag nicht leicht werden für den 31-Jährigen, es dürfte im Gegenteil sogar äußerst heikel werden.

Denn wenn die sechs deutschen Feldspieler das spanische Tor anschwimmen, geht es nicht nur darum, dass sich der Sieger mit ziemlicher Sicherheit für einen der drei ersten Plätze in der Gruppe qualifiziert hat und weiter um Medaillen spielen kann. Entscheidend wird vielmehr sein, wie die Spanier den Gegner mit der Nummer acht auf der Kappe empfangen.

Beim letzten Treffen vor vier Wochen, es handelte sich in Budapest um ein Vorbereitungsspiel für Athen, ist nämlich ordentlich Blut geflossen. „Vier Spanier haben Thomas mit den Fäusten die Lippe gespalten“, sagt Hagen Stamm, der deutsche Bundestrainer. Selbst in diesem harten Sport ist ein solcher Vorfall einzigartig. Das Opfer zeigt auf die Narbe, zehn Stiche habe der Arzt gebraucht.

Noch langsamer verheilen die Wunden in der wassersportlichen Beziehung zwischen Spanien und Deutschland. Von den Spaniern ist bis heute keine Entschuldigung eingetroffen. Doch der eingebürgerte Kasache Schertwitis wirft nicht nur für Spandau 04 Tore, sondern studiert auch in Berlin Jura. Die Anzeige wegen vorsätzlicher Körperverletzung liegt bei einem Gericht in Budapest. Schertwitis klagt straf- und zivilrechtlich. Es sei doch klar, dass er diesen Typen, die er irgendwann bei einem Prozess in Ungarn treffe, jetzt nicht einfach die Hand reichen könne im Olympia-Bassin, ganz gewiss nicht „dieser Sau Ivan Moro“. Der war der Rädelsführer der Schlägerei, sagt Schertwitis. Unmittelbar nach dem Vorfall hatte Schertwitis sogar noch ganz anderes im Sinn gehabt: „In Athen werde nicht ich aus dem Wasser getragen werden.“ Die Rachegelüste hat ihm sein Trainer ganz schnell ausgeredet. „Ich erwarte von Thomas, dass er spielt, als wäre nie etwas gewesen“, sagt Stamm. „Er braucht ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.“ Natürlich weiß auch Stamm Bescheid über die ungeschriebenen Gesetze im Wasserball, nach denen man sich einen solchen Vorfall nicht gefallen lässt. „Wenn Thomas Revanche will, kommt bestimmt irgendwann ein Trainingsspiel gegen die Spanier“, sagt der Trainer. „Aber bitte nicht bei Olympia.“

Schertwitis könnte es auch ganz lassen und auf die Budapester Richter vertrauen. Immerhin ist Ungarn Weltmeister und Titelverteidiger im Wasserball, dort gibt es die meisten Fans. Die Chancen stehen also nicht schlecht, dass die Richter die offiziellen Regeln des Nationalsports kennen. Und das wäre für Thomas Schertwitis nicht schlecht.

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