• Schläge und Schlamm Kindheit im Armenviertel, Flucht vor Hurrikan: New Orleans hat Albas Spielmacher Price geprägt

Sport : Schläge und Schlamm Kindheit im Armenviertel, Flucht vor Hurrikan: New Orleans hat Albas Spielmacher Price geprägt

Helen Ruwald

Berlin - Das Wasser läuft ab, der Schlamm bleibt. Einen Meter hoch steht er im Haus von Hollis Price in New Orleans. Der Hurrikan Katrina hat alles geschluckt, auch „meine Basketball-Trophäen und die Videos aus meiner Collegezeit. Es ist alles weg“. Der neue Spielmacher von Alba Berlin, der zuletzt in der französischen Liga bei Le Mans spielte, hat es geahnt, doch erst Dienstagabend brachte ein Telefongespräch mit seinen Großeltern Gewissheit. Die Großeltern, bei denen er aufgewachsen ist, waren Ende August vor Katrina nach Houston geflüchtet und kehrten nun kurz zurück, um zu retten, was nicht mehr zu retten war.

Hollis Price hatte sich mit Freunden, ohne Pass und mit nicht viel mehr als zwei Jeans im Gepäck nach Atlanta durchgeschlagen. Mit einem Ersatzpass und einem Koffer voller neuer Klamotten traf er einige Tage danach zu Albas Trainingsauftakt in Berlin ein. Er zeigte in den Testspielen bereits, wie unglaublich schnell er ist – und er lächelte viel, so als seien die letzten Augusttage spurlos an ihm vorübergegangen. Doch Hollis weiß, dass er das Schlimmste noch vor sich hat. Weihnachten will er nach New Orleans fliegen, „wenn ich es mit eigenen Augen sehe, wird es mich erst richtig treffen“.

Bis dahin soll er die Berliner, die zum Saisonbeginn heute die Artland Dragons Quakenbrück empfangen (19.30 Uhr, Max-Schmeling-Halle), an die Tabellenspitze der Basketball-Bundesliga führen. Zum Basketball gefunden hat er als Elfjähriger in einer Siedlung namens „Desire“ (Verlangen) in einem der ärmsten Viertel von New Orleans, wo „Schüsse, Dealer und Drogen“ zum Alltag gehörten. Seine Mutter saß wegen Drogendelikten immer wieder im Gefängnis. „Meine Großeltern haben mich da rausgehalten, sie haben das großartig gemacht“, sagt Price. Als Jugendlicher begriff er, dass Basketball ihm die Chance bot, ein anderes Leben zu führen. Disziplin lernte er schon an der katholischen St. Augustine Highschool, wo die Prügelstrafe alltäglich war. Stockschläge gab es fürs Kaugummikauen ebenso wie für vergessene Hausaufgaben.

Auf diese Weise schon abgehärtet, kam Hollis Price an die University of Oklahoma – und musste sich dennoch gewaltig umstellen. „In New Orleans war ich der größte und schnellste Spieler“, sagt der 1,86 Meter große Spielmacher, „am College waren die anderen so riesig, so schnell und so stark“. Doch er biss sich durch, schließlich wollte er in die amerikanische Profiliga NBA. 2003 spielte er in der Summer League für den NBA-Klub Cleveland Cavaliers. Doch die Nummer eins auf seiner Position war LeBron James, der schon mit 18 Jahren als Star gefeiert wurde. Price wechselte nach Le Mans und wurde zweimal ins französische Allstar-Team gewählt. In diesem Sommer entdeckte Albas Trainer Henrik Rödl ihn, als er in der Summer League für die Houston Rockets auflief. Als sich Price in Houston nicht durchsetzen konnte und von den Zielen und der guten Organisation bei Alba hörte, unterschrieb er einen Einjahresvertrag.

Bei der Berlin Basketball Trophy in der Max-Schmeling-Halle am Wochenende riefen die Fans schon begeistert seinen Namen. Und das, obwohl Price sagt, dass er von seinem Können noch „gar nichts“ gezeigt habe, „ich kann viel mehr“. Das wird Henrik Rödl freuen, den Hollis Price übrigens schon in „Desire“ im Fernsehen gesehen hat. Price war 13, als Michigan 1993 das Finale um die US-College-Meisterschaft gegen North Carolina verlor. Hollis Price hatte Michigan angefeuert. Einer der Spieler beim Sieger hieß Henrik Rödl.

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