Sport : Schlagen mit Verstand

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Von Martín E. Hiller

Berlin. Francois Mitterand wurde zum Präsidenten der französischen Republik gewählt, in England gründete sich die Heavy- Metal-Band Iron Maiden, und Alfred Hitchcock starb in seinem Haus in Kalifornien. Die 80er Jahre waren angebrochen und Tennisturniere ungefähr so spannend wie Eishockeyspiele mit sowjetischer Beteiligung: Bei den Herren siegte John McEnroe und bei den Damen Martina Navratilova. 20 Jahre ist das her, und während Tennis-Wüterich McEnroe sich nur noch mit den Schiedsrichtern der Seniorentour oder den Besuchern seiner Galerie herumärgert, mischt die in der Tschechoslowakei geborene Amerikanerin tatsächlich noch – oder vielmehr wieder – bei der WTA-Tour der jungen Damen mit.

Es scheint Martina Navratilova nicht zu genügen, dass sie schon fast alle erreichbaren Rekorde im Tennis hält - die meisten Wimbledon-Einzeltitel (9), die meisten Grand Prix-Siege (167), die meisten gewonnenen Spiele auf der Profi-Tour (1438). 1994 hatte sie ihren Rücktritt vom Profisport erklärt, nachdem sie mit den Hallenmeisterschaften von Paris noch einmal ein Grand-Prix-Turnier gewonnen hatte. 2000 kehrte sie auf den Platz zurück und erreichte erstmal das Viertelfinale in Wimbledon. Sie spielt nur noch Doppel, aber was heißt schon nur noch – die große Dame des Tennis ist 45 Jahre alt.

Gestern bestritt sie ihr Auftaktspiel in Berlin gegen Daja Bedanova und Francesca Schiavone, zusammen fünf Jahre jünger als der in Prag geborene Tennisstar. Als Partnerin für ihren dritten bis vierten Tennisfrühling hat sich Martina Navratilova die Weißrussin Natascha Zwerewa ausgesucht. Die Doppelspezialistin (18 Grand Slam-Titel ) ist mit 31 Jahren ebenfalls eine reife Spielerin und Navratilova freundschaftlich verbunden. Nach dem Match wollen sie zusammen essen gehen, doch vorher ist noch eine Aufgabe zu absolvieren.

Die vier Spielerinnen betreten den Centre Court des LTTC Rot-Weiß, und es brandet Beifall auf. Theoretisch könnte der Applaus allen vieren gleichermaßen gelten, doch im Grunde ist allen klar, wem die Menschen hier huldigen, auch der Betroffenen selbst. Martina Navratilova macht eine Handbewegung, die zu sagen scheint „ich weiß, ich weiß". Dann geht es los und dem Zuschauer, der vor allem auf Navratilova achtet, kommt alles sehr vertraut vor – von der charakteristischen Aufschlagbewegung bis zur heute selten gewordenen einhändigen Rückhand. Martina Navratilova schlägt nicht so hart zu wie die Jugend auf der anderen Seite des Netzes, doch sie schlägt die Bälle mit Verstand. Ihre Returns und Volleys landen fast immer dort, wo sie hingehören. Die Linkshänderin spielt nicht nur ein Tennisdoppel, sie spielt Doppel-Tennis.

Zwerewa ist heute der schwächere Part. Sie verliert ihr Aufschlagspiel beim Stande von 2:3 und wenig später ist der erste Satz mit 3:6 dahin. Martina Navratilova ärgert sich, wirft ihren Schläger weg, will unbedingt gewinnen. „Ich bin doch nicht hergekommen, um Spargel zu essen“, wird sie später sagen. Im zweiten Durchgang steigert sich Zwerewa, und es kommt zu spektakulären Ballwechseln.

Schließlich setzt sich jedoch das harte, druckvolle Spiel der italienisch-tschechischen Kombination durch. Nach 1:19 Stunden beendet Bedanova, die 1974, als ihre Landsfrau Martina Navratilova ihren ersten Grand Prix-Sieg feierte, gerade geboren war, mit einem scharfen ersten Aufschlag die Begegnung. Martina Navratilova und Natascha Zwerewa, die ihr erstes Spiel gegen Amanda Coetzer und Lori McNeil wegen einer Verletzung Coetzers kampflos gewonnen hatten, verlieren 3:6, 4:6.

Dennoch ist Martina Navratilova zufrieden mit ihrem Arbeitstag. „Ich habe ganz gut gespielt, so wie Natascha auch. Es wird noch besser und ich werde wieder gewinnen“, sagt die Amerikanerin. Ob sie das in Berlin tun wird, lässt sie offen. „Ich weiß noch nicht, ob ich nächstes Jahr überhaupt noch spiele“, sagt Navratilova. „Aber selbst wenn ich nie wieder einen Ball schlagen sollte, werde ich als glücklicher Mensch sterben.“

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