Schlager neuer Weltmeister : Europa schlägt China

Warum ein Österreicher bei der Tischtennis-Weltmeisterschaft in Paris alle Asiaten hinter sich lässt

Jörg Petrasch

Geschlafen wird er sicherlich nicht haben. Aber vielleicht war der Österreicher Werner Schlager ja die ganze Zeit in Trance. Während er und der Rest der Welt in der vergangenen Woche die Tischtennis-WM in Paris ausgespielt haben. Nach dem Endspiel gegen den Südkoreaner Joo Se-Hyuk sagte der aus der Wiener Neustadt stammende Schlager: „Weckt mich auf. Ich hoffe, ich bin wirklich Weltmeister.“

Schlager ist wirklich Weltmeister. Aber wichtiger als die Tatsache, dass der 30-Jährige nun als zweiter Österreicher nach Richard Bergman 1937 den WM-Titel erringen konnte, ist das Signal, das aus dem Palais Omnisport gesandt wurde. „Die Medaillenverteilung im Herren-Einzel zeigt, dass Europa in Paris stärker war als die Chinesen“, sagt Dirk Schimmelpfennig, Cheftrainer des Deutschen Tischtennis Bund (DTTB).

Allein der chinesische Olympiasieger Kong Linghui, der im Halbfinale gegen Schlager 3:4 unterlegen war, gewann neben dem Griechen Kalinikos Kreanga Bronze. Für China ist ein magerer dritter Platz im Herren-Einzel die schlechteste Ausbeute seit zehn Jahren und ein kleines Desaster. „Die werden ganz schön Druck bekommen“, sagt Boll, der als Weltranglistenerster in der zweiten Runde am schwächsten Chinesen Qiu Yika gescheitert war, über seine Tischtennis-Kollegen.

Damit hat er wohl Recht. Boll musste nach seinem Eingeständnis, nicht optimal auf die WM vorbereitet gewesen zu sein, berechtigte Kritik einstecken und wird seinen Turnierplan in Zukunft umstellen. Mehr nicht. Für China ist eine Niederlage in der prestigeträchtigsten Disziplin Herren-Einzel allerdings schwerwiegender. Zumal sich die Spieler monatelang gezielt auf die WM vorbereitet haben. Die besten Chinesen mussten nicht mal an der Asienmeisterschaft im Vorfeld der WM teilnehmen. Alles war auf Paris ausgerichtet. Das Einzige, was sie mussten, war gewinnen. Der Druck ist hoch: Die eigene finanzielle Zukunft, aber auch die der Familie in China hängt davon ab.

Aber die WM zeigte noch mehr. Im Kampf Europa gegen Asien treffen zwei Tischtennis-Kulturen aufeinander. In China ist das Trainingssystem professioneller. Von klein auf werden die talentierten Kinder von hauptamtlichen Trainern mit eiserner Disziplin geschult. „Bis etwa 18 Jahre ist das technische und athletische Niveau der Chinesen unerreichbar für uns“, sagt Dirk Schimmelpfennig. Dafür hören die chinesischen Spieler spätestens mit Ende 20 auf. Meistens, weil sie ausgebrannt sind und die jungen Spieler schon nachkommen Die Europäer spielen oft noch bis weit über 30 auf hohem Niveau.

Ein weiterer Unterschied: In Europa wird im Training mehr gespielt. „Wir sind wettkampforientierter und kreativer“, sagt Schimmelpfennig. Und durch die vielen Wettkämpfe vielleicht auch mental stärker. Nach seinem Weltcupsieg in China im vergangenen November sagte Boll der „FAZ“: „Wenn es knapp wird, empfinden die Chinesen enorm viel Druck.“ Boll konnte diesen Umstand bis zur WM immer gut ausnutzen.

Wie der Weltranglistensechste Werner Schlager. Im Viertelfinale wehrte der 30-Jährige gegen den Titelverteidiger Wang Liqin vier Matchbälle ab und gewann gegen Olympiasieger Kong in der Verlängerung des siebten Satzes. 2004 wird der Vergleich zwischen Europa und China bei Olympia weiter gehen: Alter und mentale Stärke gegen Jugend und Athletik. Boll ist dann 23 Jahre.

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