Sport : Schlagfertig nach109 Sekunden

Nach Wladimir Klitschkos K.-o.-Sieg gegen Moli gibt es für die Zuschauer in München viel zu diskutieren

Michael Rosentritt

München. Boris Becker ist um eine Erfahrung reicher. Er weiß jetzt, was man in eineinhalb Minuten so alles erledigen kann. Der frühere Tennisstar will sich gerade auf seinen Platz in Reihe eins in der abgedunkelten Olympiahalle in München setzen, da muss er auch schon wieder aufstehen und rhythmisch klatschen. So, wie 10 900 Menschen um ihn herum. 109 Sekunden sind vergangen, als Wladimir Klitschkos linker Haken die Schläfe von Fabio Moli trifft und den auf zwölf Runden angesetzten Kampf im Schwergewicht frühzeitig beendet. Mit offenem Mund steht Becker im Licht der Fernsehkameras und weiß in diesem Moment ebenso wenig wie der niedergestreckte Argentinier, wie ihm geschieht.

Später stammeln die Schauspieler Heiner Lauterbach, Uwe Ochsenknecht und Fußballprofi Claudio Pizarro wenig erhellende Sätze in die Mikrofone des ZDF. Jeder der prominenten Zuschauer versucht zu deuten, was sich da oben im Ring ereignet hatte. Das Klatschen war längst umgeschlagen in ein Pfeifkonzert. Die Besucher hatten am Kassenhäuschen schließlich eine Menge Geld bezahlt, bis zu 350 Euro, um Klitschkos Comeback mitzuerleben. Und dann das. Plötzlich liegt der kahlköpfige Hüne aus Rosario auf den Brettern und will einfach nicht mehr aufstehen. Den Mundschutz hat der 120-Kilo- Mann ausgespuckt, seine Beine zittern. Einmal versucht Moli sich noch mit beiden Armen aufzustützen, der Ringrichter zählt ihn schon an, Moli sackt in sich zusammen. „Ich kann mich an nichts mehr erinnern“, sagt der Argentinier später und wehrt sich gegen den Vorwurf, er habe geschauspielert. „Ich bin noch nie k. o. gegangen. Sie können ja mal in den Ring steigen gegen diesen Kerl“, sagt Moli. Und man fragt sich, warum er es denn getan hat.

Unter normalen Umständen hätte es den Kampf dieser ungleichen Boxer nie gegeben. Nur war dem früheren WBO-Weltmeister Wladimir Klitschko ein südafrikanischer Polizist und Hobbyboxer namens Corrie Sanders dazwischengekommen, der ihn vor einem halben Jahr viermal zu Boden schlug, ihm den Titel abnahm und einen Knacks in der Psyche Klitschkos hinterließ. Bevor es aber zum Rückkampf gegen Sanders kommen kann, sollte Klitschko einen Aufbaukampf bestreiten. Moli war ein Gegner mit ordentlicher Kampfbilanz – 29 Siegen und nur zwei Niederlagen. Gefährlich konnte er dem Ukrainer aber nicht werden.

Klitschkos Manager und Promoter Klaus- Peter Kohl schaute nach dem Kampf nicht glücklich drein. Sechs, sieben Runden wären ihm lieber gewesen. „Aber Priorität hat, dass Wladimir zurückgekommen ist“. Klitschko war fast peinlich, wie schnell alles gegangen war. Seine rechte Schlaghand musste der Boxer aus Kiew nicht einmal einsetzen. Für Moli reichte seine linke Führhand. „Leider hatte das Publikum keine Zeit, den Kampf zu genießen“, sagte Klitschko. Was er auch weiß: Sportlich gesehen liegt der Wert des Kampfes hinter dem jeder einzelnen Sparringsrunde zurück. „Aber ich habe jede Sekunde im Ring genossen“, sagte Klitschko. Sanders habe ihn gedemütigt. „Ich würde am liebsten sofort gegen ihn boxen.“

Das wäre auch nach dem Geschmack seines Managers. Vorsorglich hat Kohl die Rechte an den nächsten Kämpfen von Sanders ersteigert. Im Rahmen eines WM-Kampfes von Dariusz Michalczewski wird der Südafrikaner im Oktober in Hamburg boxen. Im Dezember könnte es dann zum Rückkampf gegen Klitschko kommen. Vorausgesetzt, Sanders ist dann noch Weltmeister. Und wenn nicht? „Das ist egal. Wladimir wird in jedem Fall den Gewinner boxen“, sagt Kohl.

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