Sport : Schlagseite

Immer mehr Handballer verletzen sich durch brutale Fouls

Klaus Rocca

Ratko Nikolic fackelt nicht lange. Als ihn Zoran Lubej in den Genitalbereich schlägt, streckt er den Slowenen mit der Handkante in den Nacken nieder. Pech nur für den Mann aus Serbien-Montenegro, dass der Torrichter nur wenige Meter von ihm entfernt steht, es genau gesehen hat und ihm die Rote Karte zeigt.

Danijel Andjelkovic greift Roman Pungartnik im selben Spiel so heftig an, dass der Slowene mit einem Schrei zu Boden sinkt. Pungartnik, beim THW Kiel unter Vertrag, wird vom Spielfeld getragen und sofort ins Krankenhaus gefahren. Diagnose: Kreuzbandriss. Szenen eines Handballtages in Slowenien. Eine Europameisterschaft der groben Unsportlichkeit, ja der Brutalität?

„Ich sage immer, Handball ist kein Nonnenballett“, erklärt Zvonimir Serdarusic, der früher Kreisläufer bei den Reinickendorfer Füchsen war und seit einigen Jahren Trainer beim THW Kiel ist. In Slowenien fragt er sich nun: „Wer ist der Nächste?“ Serdarusic bangt um seine Kieler Spieler, denn nach Pungartnik könnte es noch andere treffen. Allein im deutschen Team stehen drei Kieler: Henning Fritz, Klaus-Dieter Petersen und Christian Zeitz. Bei den Spaniern ist es Demetrio Luzano, bei den Schweden sind gar vier beim THW unter Vertrag. Da ist Serdarusic schon froh, dass der Pole Piotr Przybecki schon ausgeschieden ist.

Es scheint, als habe die Fairness in Slowenien einen Tiefpunkt erreicht. Doch aus der deutschen Delegation sind erst einmal beschwichtigende Worte zu hören. „Hier gibt es zwar einige Ausreißer, aber hier geht es auch nicht härter zu als bei früheren Turnieren“, sagt Horst Bredemeier, der ehemalige Bundestrainer und jetzige Delegationsleiter. „Hart, manchmal auch übertrieben hart, aber selten brutal“, sagt Rückraumspieler Volker Zerbe. Aber die Tendenz zum immer härteren Sport Handball will keiner abstreiten. „Es geht ja um immer mehr. Und viele Schiedsrichter haben sich dem leider nicht angepasst“, glaubt Bredemeier.

Die besten Schiedsrichter, die aus Norwegen und Frankreich, dürfen in Slowenien nicht pfeifen. Denn der Weltverband IHF wollte dem europäischen Verband EHF seine Spitzen-Referees nicht zur Verfügung stellen. Sie sind schon für Olympia in Athen nominiert und sollen nicht vorbelastet werden. So pfeifen Schiedsrichter wie die Portugiesen Goulao/Macau, denen vorgeworfen wird, sie seien beim Afrika-Cup bestechlich gewesen. Geärgert haben sich auch die Deutschen über sie, beim Duell mit den Franzosen.

Es sind aber nicht nur die Fouls, die bei diesem Turnier böse Verletzungen verursachen. „Der Boden ist viel zu hart“, sagt der deutsche Nationalspieler Florian Kehrmann. Und es ist „die viel zu geringe Regenerationszeit bei den extremen Belastungen“, sagt Volker Zerbe. Er selbst ist weniger gefährdet: Zerbe nimmt sich seine Auszeiten einfach selbst, manchmal sogar für mehrere Monate.

Andere müssen ihre Auszeit nun zwangsweise nehmen. Wie der Franzose Jérôme Fernandez (Mittelhandbruch) oder der Deutsche Markus Baur (Meniskuseinriss). Und Roman Pungartnik. Er wurde gestern in Kiel am Kreuzband operiert. Handball wird er wohl erst wieder in einem halben Jahr spielen können.

0 Kommentare

Neuester Kommentar