Sport : Schlaudraff empfiehlt sich

Alemannias Stürmer zeigt den Bayern seine Klasse

Stefan Hermanns

Aachen - Jan Schlaudraff hat am Mittwoch neue Erkenntnisse gewonnen, die ihm bei der beruflichen Orientierung erheblich weiterhelfen könnten. Er sollte so schnell wie möglich den Verein wechseln, weil er bei Alemannia Aachen, seinem derzeitigen Arbeitgeber, einen schwierigen Status erlangt hat: Jan Schlaudraff kann in Aachen niemanden mehr überraschen. „Als er ansetzte, wusste ich im Grunde, was auf mich zukommt“, sagte Michael Frontzeck. Alemannias Trainer hatte beste Sicht, als sich in der 90. Minute jene Szene anbahnte, die letztlich das 4:2 für die Aachener bringen und das Pokalspiel gegen Bayern München entscheiden würde. Genau vor seiner Trainerbank kam Jan Schlaudraff an den Ball. Er umkurvte Willy Sagnol und Daniel van Buyten, spurtete aufs Tor zu, „er wird doch nicht …“, dachte Alemannias Torhüter Stephan Straub. Doch, er würde: entschlossen den Abschluss suchen, statt mit einem ziellosen Dribbling den Bayern ein paar Sekunden bis zu ihrem nächsten Angriff zu stehlen. „Wenn der Raum da ist, versuch ich’s halt“, sagte Schlaudraff. „Mal geht’s schief, mal klappt’s.“

Inzwischen klappt es immer häufiger. Schon vier Tage zuvor, im Bundesligaspiel gegen den HSV, hatte Schlaudraff seine besondere Bedeutung nachgewiesen. 2:3 lagen die Aachener zurück, es lief die letzte Minute, als er eine Flanke in den Hamburger Strafraum schlug. Verteidiger Bastian Reinhardt setzte zum Flugkopfball an und lenkte den Ball zum 3:3 ins eigene Tor. „Meine Mannschaft bleibt immer im Spiel“, sagte Trainer Frontzeck. „Das ist eine Qualität, die man nicht kaufen kann. Die muss drin sein.“

Wenn ein Aufsteiger gegen die Bayern spielt, kommt es schon mal vor, dass die eine Mannschaft fast unendlich viele Chancen hat, die andere hingegen nur punktuell angreift und am Ende trotzdem gewinnt. In neun von zehn Fällen werden das die Bayern sein, am Tivoli war es umgekehrt. „Für einen Aufsteiger haben wir eine überragende Torquote“, sagte Frontzeck. Seine Mannschaft besitzt ein feines Gespür für den richtigen Moment, und am stärksten ausgeprägt ist dieses Gespür wohl bei Jan Schlaudraff. Sechs Tore hat er in der Bundesliga erzielt, zwei im Pokal (jeweils in der Schlussminute), und obwohl er gegen die Bayern schon nach einer Stunde am Ende seiner Kraft angelangt war, raffte sich der 23-Jährige noch zu einem letzten, entscheidenden Angriff auf. „Nach vorne läuft man immer leichter als nach hinten“, sagte Schlaudraff. „Das wird er noch teuer bezahlen“, sagte Bayerns Manager Uli Hoeneß im Scherz.

Dafür ist Jan Schlaudraff um so billiger zu haben. Zwar steigerte er mit dem Tor seinen eigenen Marktwert, in Aachen wissen sie aber längst, dass sie ihn für die vergleichsweise geringe Ablösesumme von 1,2 Millionen Euro im Sommer verlieren werden – vermutlich an Bayern oder Werder Bremen. Dennoch ist ihnen das lieber, als ihn für ein Vielfaches schon jetzt zu verkaufen. Es ist eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung: Was nutzt einem all das schöne Geld als Zweitligist?

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