Sport : Schlecht dressiert

Reitervereinigung greift Weltverband wegen umstrittener Trainingsmethoden an

Jeannette Krauth

Berlin - Richtig geärgert hat sich die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) über ihren internationalen Dachverband: Da reagiert der endlich auf den Streit im Dressurlager um die „Rollkur“, diese umstrittene Trainingsmethode, und was kommt dabei heraus? Wenn 60 Experten aus aller Welt sich in Lausanne treffen, Wissenschaftler aus der Veterinärmedizin, dem Tierschutz, Reiter, Trainer, Turnieraufseher? Eine Umbenennung des Problems. Statt des Begriffs „Rollkur“ soll die Trainingsmethode nun „Hyperflexion des Halses“ genannt werden. Ergebnis des Workshops sei vorläufig, dass es keinen Nachweis gäbe, dass die Methode „strukturelle Schäden verursache“. Es bestehe Forschungsbedarf.

Die „Rollkur“ war zuvor in Verruf geraten. Dabei wird das Pferd mit den Zügeln so eng geführt, dass der Pferdehals sozusagen „aufgerollt“ wird und im Extremfall das Pferdemaul sogar fast die eigene Brust berührt.

Das Ergebnis des Workshops veranlasste den sonst vorsichtigen Generalsekretär der FN zu einem deutlichen Kommentar. „Ich verstehe die Ergebnisse des FEI-Seminars keineswegs als Persilschein für rüden Umgang mit dem Pferd“, schreibt Hanfried Haring. „Wir stehen weiterhin ohne jede Einschränkung zu den klassischen Ausbildungsmethoden.“ Und weiter: „Von ,Rollkur‘ ist da keine Rede. Das ist aktiver Pferdeschutz, und den betreiben wir.“ Klare Worte für einen Verband, der bisher nur darauf verwies, dass die „Rollkur“ für die FN „eine Irrlehre“ darstelle. „Von Lausanne haben wir uns mehr Inhalt versprochen“, sagt FN-Sprecher Thomas Hartwig. Christoph Hess, internationaler Richter und Leiter der Abteilung Ausbildung der FN, erwartete „zumindest ein kritisches Statement der FEI“. Er vermisst, „dass mentale Auswirkungen beim Pferd nicht berücksichtigt wurden“. Ein Pferd aufzurollen sei eine extreme Art der Unterordnung.

Zufrieden mit den Lausanner Ergebnissen ist dagegen Sjef Janssen, Ehemann und Trainer von Olympiasiegerin Ankie van Grunsven. Die Niederländer waren in der Diskussion stets das Paradebeispiel für Verfechter der Methode. „Das war ein faires Treffen mit vielen Experten aus der Wissenschaft“, sagt er. „Das Wichtigste ist, dass die festgestellt haben, das Tiefreiten nicht schädlich ist, wenn es richtig gemacht wird.“ Einen solch eindeutigen Freischein gab die FEI aber nicht. Dass die Methode eine Gefahr für nachahmende Laien und die Gesundheit ihrer Pferde darstellt, ist sowohl von FEI als auch FN klar formuliert worden.

Sjef Janssen appelliert deshalb an die Verantwortung: „Das ist ein wenig wie beim Autorennen“, sagt er, „manche sehen Schumacher live und fahren sich auf dem Heimweg tot. Die meisten aber können ihre Fähigkeiten richtig einschätzen.“ Christoph Hess, der als Richter Janssen und van Grunsven in Aachen 2004 schon einmal auf dem Vorbereitungsplatz ermahnte, sagt dazu: „Der große Unterschied ist immer noch, dass wir Reiter zusätzlich eine ethische Verantwortung dem Lebewesen Pferd gegenüber haben. Und wenn da 1000 Leute am Abreiteplatz stehen, gucken und filmen, davon lernen wollen, und dann solche Methoden mit nach Hause nehmen, dann finde ich das mehr als abenteuerlich.“

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