Sport : Schlichte Noblesse

Rechtzeitig zur Deutschland-Tour präsentiert sich Jan Ullrich mit seinem neuen Team Bianchi

Hartmut Scherzer

Dresden. Alles dreht sich um Ullrich. Die Deutschland-Tour als Tour de Jan. Von Ost nach West, von Dresden nach Saarbrücken, über 1186 Kilometer. Am Tag vor dem Start heute vor der Semperoper musste Jan Ullrich erst einmal sein neues Team Bianchi präsentieren, das im offiziellen Leitfaden der Rundfahrt noch unter Coast firmiert. Da war viel Improvisationskunst vor allem vom umtriebigen Sportchef Rudy Pevenage gefordert, um den Last-Minute-Start nach der Pleite von Coast und der Rettung durch Bianchi noch zu ermöglichen.

„Es war extrem knapp, aber es hat noch geklappt, dass wir hier starten können“, sagte Jan Ullrich erleichtert und dankbar. „Der Trubel ist vorbei. Wir sind alle motiviert, uns zu zeigen und ein gutes Ergebnis zu erzielen.“ Alle 19 Fahrer, alle von Coast übernommen, reihten sich am Elbufer im Sächsischen Landtag auf. Nur acht gehen auf Deutschland-Tour. Jan Ullrich trägt jetzt Mintgrün (italienisch: Celeste) nach acht Jahren Magenta (Telekom) und vier Monaten Himmelblau (Coast). Erst fand er das Hemd „extravagant“. „Aber je öfter ich es anschaue, desto schöner wird es. Einfach hübsch. Eine frohe Farbe.“ Ganz der neuen Aufbruchstimmung angepasst. „Schlichte Noblesse“ nannte einer seiner Kameraden, Olympiasieger Daniel Becke, die neue Trikotmode mit dem über hundert Jahre alten, traditionellen Firmennamen in schwarzen Lettern auf Brust und Rücken: Bianchi. Wie einst beim legendären Fausto Coppi.

Der Tour-Star wird jetzt wieder von jener Professionalität umgeben, die Ullrich vor der unsäglichen Coast-Episode von der Telekom gewohnt war. „Der Ärger mit Coast hat Kraft und Nerven gekostet und die Vorbereitung gestört“, sagte Ullrich. Nun hat alles wieder seine geregelte Ordnung. Das Geld kommt pünktlich. Die Mannschaft logiert in einem vornehmen, idyllischen Romantik-Hotel im Zschonergrund vor den Toren der Stadt.

Kann Ullrich bei seinem Comeback die nationale Prestige-Rundfahrt, die 27. seit ihrer Premiere 1911, die fünfte seit der Neuschaffung 1999, schon gewinnen? Die abermalige Zwangspause im Mai wegen der Sperre für Coast und eine sechstägige Magen-DarmGrippe haben ihn vielleicht etwas zurückgeworfen. Dennoch: „Ich war in meiner ganzen Karriere zu dieser Zeit noch nie so gut in Form“, sagte Ullrich, schränkte aber gleich ein: „Ich kann um ein gutes Ergebnis mitfahren, aber nicht um den Gesamtsieg.“ Immerhin einen Etappensieg hat er sich vorgenommen, wobei ihm die Bergankunft am Samstag auf dem Feldberg und das Zeitfahren anderntags durchaus liegen würden. Kapitän ist denn auch in der offiziellen Teilnehmerliste nicht Ullrich, sondern der Spanier Angel Casero, der einstige Sieger der Spanien-Rundfahrt.

Alles schaut nur auf Jan Ullrich und übersieht dabei die anderen prominenten Rennfahrer, die heute an der Semperoper losfahren: Telekom in Bestbesetzung mit Zeitfahr-Weltmeister Santiago Botero, dem letztjährigen Giro-Sieger Paolo Salvodelli, dem Olympiazweiten Alexander Winokurow und natürlich mit dem Weltranglistenersten Erik Zabel. Ferner: Vorjahrssieger Igor Gonzales de Galdeano (Spanien), Michele Bartoli (Italien), Ullrichs spanische Mannschaftskameraden Aitor Garmendia, Zweiter in den beiden letzten Jahren, und David Plaza, Sieger des Jahres 2000.

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