Sport : Schlimm, aber nicht tragisch

Der Handballer Frank von Behren freut sich über eine Stauchung: Er fürchtete eine schwerere Verletzung

Erik Eggers

Riesa. Die Situation war verstörend. Vor und hinter Frank von Behren tobten die Zuschauer in der Halle, ein unglaublicher Lärmpegel begleitete die Aufholjagd der deutschen Handball-Nationalmannschaft im Finale des Supercups gegen die Spanier (28:29). Der Mann mit den Rasta-Locken aber wollte von all dem nichts mehr registrieren. Es entstand ein trauriges Bild, ein krasser Gegensatz zu der wogenden Masse, die von all dem nichts mitbekommen wollte. Er kauerte abwesend und geschockt auf der Bank, die Hände stützten sein Gesicht, er weinte bittere Tränen. Es war die Reaktion auf eine Szene in der 40. Minute: Der Gummersbacher, im Mittelblock der Abwehr stehend, war mit dem bulligen Spanier Alberto Entrerrios zusammengeprallt und hatte einen Schlag auf sein Knie bekommen.

Auf jenes Knie, in dem im Oktober 2002 das Kreuzband gerissen war und das in den letzten Monaten, nach einer sich lange hinziehenden Reha-Maßnahme, jetzt wieder funktionierte. Und nun, in der 40. Minute, wehrte sich von Behrens Kopf gegen den erneuten Verdacht. Kein Kreuzbandriss, alles in Ordnung, signalisierte er dem Arzt, er spielte weiter. Doch nach einem Tempogegenstoß eine Minute später streikte der Körper endgültig. Bundestrainer Heiner Brand sah das und wechselte ihn aus. Dann kamen dem Modellathleten die Tränen. „Als ich das sah, war für mich das Spiel auf einmal absolute Nebensache“, sagte sein Mitspieler Daniel Stephan. Wenn einer die Situation nachempfinden konnte, dann der Mann aus Lemgo, der in den letzten vier Jahren acht schwere Verletzungen erlitt und nun, nach einem ausgeheilten Achillessehnenriss, zurückgekehrt ist.

Stephan also ereilten die gleichen Gedanken, mit denen Frank von Behren noch während des Spiels kämpfen musste. Er war zurückgekommen, nach sehr langer Zeit. Zehn Bundesligaspiele hatte er bei seinem neuen Klub VfL Gummersbach absolviert, in den letzten Wochen war der ehemalige Kapitän der Nationalmannschaft spielerisch immer stärker geworden. Das wiedergewonnene Selbstbewusstsein war auch beim Turnier in Leipzig und Riesa gut erkennbar, gegen die Russen etwa hatte er stark gespielt. „Er wächst immer besser hinein in die Mannschaft“, lobte Brand. Und von Behren brannte vor Ehrgeiz, noch mehr zu zeigen, und überhörte Warnsignale. „Ab und an spüre ich Schmerzen im Knie“, sagte er zwei Tage vor dem Zwischenfall gegen Spanien dem Fachorgan „Handballwoche“, „aber die ignoriere ich halt, die belasten mich in meinem Spiel nicht.“ Er war auf dem Weg nach ganz vorn, aber es war auch ein gefährliches Spiel mit dem Körper.

Am Sonntag waren alle Spieler der deutschen Nationalmannschaft geschockt, vor allem sein Mannschaftskollege vom VfL Gummersbach, Mark Dragunski. „Lass es etwas anderes sein, einen Bänderriss oder sonst etwas“, sagte der Kreisläufer nach dem Spiel, „aber bitte nicht noch mal einen Kreuzbandriss.“ Diese Beschwörungen haben anscheinend geholfen.

Der befürchtete Kreuzbandriss bestätigte sich nicht bei der Kernspintomographie, die gestern in der Klinik Engelskirchen vorgenommen wurde. „Kontusion des Knochens“, lautete die Diagnose, eine Verstauchung. „In etwa drei bis vier Wochen kann Frank wieder spielen“, sagt der Mannschaftsarzt Berthold Hallmaier. Er hatte, ähnlich wie Frank von Behren „die ganze Nacht nicht geschlafen“. Andere sprachen von sechs Wochen Pause, so dass die Europameisterschaft Ende Januar in Slowenien vermutlich ohne den Rückraumspieler stattfindet. Die Olympischen Spiele 2004 in Athen jedoch, eines seiner größten Vorhaben, sind durch diese Verletzung nicht gefährdet. Und auch nicht seine Karriere.

„Das ist zwar schlimm“, sagt dazu Hallmaier, „aber eben noch viel besser als befürchtet.“ Obwohl die Nachricht eigentlich ganz gut war, war Frank von Behren auch gestern noch deprimiert. Er hatte sich so sehr gefreut auf die anstehenden Spiele in der Bundesliga mit seinem neuen Klub gegen Tusem Essen und gegen den THW Kiel, in der Kölnarena vor mehr als 15000 Zuschauern. „Dafür lebt man als Handballer“, sagte er in einem Interview dazu vor der Saison. Es wird ihn viel Kraft und Anstrengungen kosten, Ziele wie diese wieder zu erreichen.

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