Sport : Schlimmer als befürchtet - Deutschland wird in Kroatien durchgereicht

Die vierte Europameisterschaft in Kroatien wird als ein weiteres trauriges Kapitel in die deutsche Handball-Geschichte eingehen. Mutlos, kraftlos und ratlos erlitt die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) einen Rückfall in alte Zeiten, verfehlte das Minimalziel und verspielte einiges von jenem Kredit, der seit der Bronzemedaille bei der EM 1998 in Italien erworben wurde.

"Es ist schlimmer gekommen, als ich befürchtet hatte", sagte Bundestrainer Heiner Brand. Nach dem 19:25-Debakel gegen Frankreich war selbst der Weltmeister von 1978 mit seinem Latein am Ende und musste das Turnier als ersten Misserfolg seiner dreijährigen Amtszeit verbuchen. Nur gut, dass die Olympia-Qualifikation mit Platz fünf bei der Weltmeisterschaft 1999 in Ägypten bereits gesichert war. Dadurch wird der Aufprall beim neuerlichen Absturz gemildert.

Die Europameisterschaft ist aus deutscher Sicht bereits vor den letzten beiden Vorrundenspielen praktisch zu Ende. Die deutsche Mannschaft droht wie bei der EM in Portugal 1994 (Platz neun) und Spanien 1996 (Platz acht) nach hinten durchgereicht zu werden. "Ich rechne nicht mehr mit dem dritten Platz in unserer Gruppe", sagte Brand.

Die Chancen darauf sind ohnehin nur sehr gering. Gastgeber Kroatien dürfte in seinen zwei Spielen keinen Punkt mehr holen, und die DHB-Auswahl müsste ihre beiden ausstehenden Gruppenspiele gegen Norwegen am Dienstag und den unangefochtenen Tabellenführer Spanien am Donnerstag gewinnen. Platz drei berechtigt zum Spiel um den fünften Platz und eröffnet die Möglichkeit der Doppel-Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2001 in Frankreich und die Europameisterschaft 2002.

"Ich mache keine Rechenspiele", erklärte Brand. "Wir wollen uns wenigstens mit Anstand aus der Affäre ziehen", sagte Markus Baur, der ein trauriges Geburtstags-Wochenende hinter sich brachte. Dem schwachen 24:24 im ersten Spiel am Freitag gegen die Ukraine folgte an Baurs 29. Geburtstag trotz passablen Spiels eine bittere 20:21-Niederlage gegen Olympiasieger Kroatien. Am Sonntag dann der erschreckende Tiefpunkt gegen Frankreich. Erstmals seit vier Jahren gewannen die Franzosen wieder gegen Deutschland.

Während der Bundestrainer seiner Enttäuschung freien Lauf ließ ("Ich habe beim besten Willen nicht geglaubt, dass wir so unterlegen sind"), verbreitete DHB-Präsident Ulrich Strombach weiter Zweckoptimismus: "Wenn die Mannschaft bei Kräften ist und alle wieder dabei sind, bin ich überzeugt, dass sie in einem Turnier auch alle schlagen kann und Erster wird." Eine Aussage, die in krassem Widerspruch zu den in den bisherigen drei Spielen gebotenen Leistungen stand.

"Es sind Sachen passiert, die eigentlich gar nicht wahr sein können", monierte Brand. Seine Spieler zeigten phasenweise stümperhafte Fehler. Schrittfehler, Fangfehler, Wechselfehler, Abspielfehler und sogar zehn verworfene Siebenmeter - eine Palette an Missgeschicken, die den Bundestrainer ratlos machten: "Ich habe keine Erklärung dafür."

Die unruhige Vorbereitung, die Ausfälle von Leistungsträgern - es fehlten Bogdan Wenta und Christian Schwarzer - und angeschlagene Spieler wie Markus Baur, Daniel Stephan, Volker Zerbe sowie Frank von Behren taugen jedenfalls nur bedingt als Begründung für derartige Anfängerfehler. "Das wäre auch eine billige Entschuldigung", erklärte Baur, "du denkst: So was passiert mir nicht mehr. Dann passiert es doch, und auf einmal geht gar nichts mehr."

Brand kündigte Konsequenzen an. So will er vor den Olympischen Spielen in Sydney die konditionellen Grundlagen seiner Nationalspieler überprüfen. Einige wird sich der einst gefürchtete Abwehrspieler besonders zur Brust nehmen. Zum Beispiel Mike Bezdicek. Brand schimpfte: "Wenn man so ein Gurkenspiel wie gegen Frankreich hinlegt, verhält man sich nicht so wie Mike Bezdicek bei seinem Platzverweis. Man muss schon mit Anstand verlieren können."

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