Sport : Schluss mit lustig

Sepp Maier wird nach 17 Jahren als Torwarttrainer der Nationalmannschaft zum Rücktritt gedrängt

Stefan Hermanns

Berlin - Wenn Josef Maier für die Öffentlichkeit den Maiersepp gibt, kann es schon mal peinlich werden. Im Frühjahr haben das die Vertreter von Mercedes- Benz erfahren müssen. Da hatte der Großsponsor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft vor einem Länderspiel den Maiersepp als Zeitzeugen zu einer Pressekonferenz geladen. Es ging damals um die Suche nach dem verschollenen Mannschaftsbus der Weltmeister-Mannschaft von 1974, und Maier sollte ein paar lustige Anekdoten aus der alten Zeit beisteuern. Der frühere Nationaltorwart hat dann eine obskure Geschichte erzählt, in der es um Ausflüge in ein Hotel am Timmendorfer Strand ging, die Jacobs Sisters und ihre Pudel eine Nebenrolle besetzten und Maier sich schließlich als Erfinder der „Kondom-Aufhängung“ rühmte. Eigentlich hatte er nur ein Kondom mit Wasser gefüllt, es im Bus aufgehängt und dem Fahrer aufgetragen: „Leg dich richtig rein in die Kurven.“ Irgendwann ist die Hülle dann zerplatzt. „Und alle waren nass. Das war ein Ereignis, die Kondom-Aufhängung.“ Ja, das haben die Herren von Mercedes vermutlich auch gedacht.

Aber so ist er halt, der Maiersepp. Manchmal erzählt er Dinge, die den Rest der Welt peinlich berühren. Erst in der vergangenen Woche hat er in seiner Eigenschaft als Torwarttrainer der Nationalmannschaft über Jens Lehmann gesagt: „Er kann sich aufhängen, er wird nie die Nummer eins.“ Doch das war trotz Spaßvogelbonus endgültig zu viel. Bundestrainer Jürgen Klinsmann und Teammanager Oliver Bierhoff werteten Maiers Äußerung als Verletzung seiner Neutralitätspflicht. Nach dem Länderspiel in Iran legten sie dem Torwarttrainer auf dem Flughafen Teheran nahe, seinen Rücktritt einzureichen. Als Nachfolger ist Andreas Köpke im Gespräch. „Natürlich war es eine schwierige Entscheidung, die mir für Sepp persönlich Leid tut. Aber wir hatten ein Problem, das unbedingt gelöst werden musste“, sagte Bierhoff. „Wir haben ihm klar gesagt, dass es so nicht weitergehen kann. Auch nach den Vorgängen der Vergangenheit.“

Bereits im August, vor dem ersten Länderspiel unter Klinsmann, hatte Maier den Unmut des Bundestrainers erregt, weil er sich gegen eine Rotation auf der Position des Torhüters ausgesprochen hatte. Klinsmann hatte das als Einmischung in seine Kompetenzen verstanden. Schon in dieser Frage war Maiers Interessenskonflikt deutlich geworden. Der 60-Jährige ist auch beim FC Bayern München als Torwarttrainer angestellt und arbeitet dort wie in der Nationalmannschaft mit Oliver Kahn zusammen. Maier fühlt sich Kahn verbunden und verteidigt ihn gegen die Ansprüche Lehmanns. „Der Schritt ist mir nicht leicht gefallen“, sagte er nach dem befohlenen Rücktritt. „Wegen meiner täglichen Arbeit mit Oliver Kahn ist es aber sinnvoll, dass ein anderer Torwarttrainer der Nationalmannschaft wird.“

Maier war 1987 vom damaligen Teamchef Franz Beckenbauer zum DFB geholt worden. Er hat seitdem für fünf Nationaltrainer gearbeitet, war aber unter dem Modernisierer Klinsmann immer mehr zum folkloristischen Relikt einer vergangenen Zeit geworden. Mit Maier verabschiedet sich nun der letzte Vertreter der Weltmeistermannschaft von 1974 aus dem operativen Geschäft der Nationalmannschaft.

Oliver Kahn verliert mit dem Torwarttrainer einen wichtigen Lobbyisten; dass er auch seinen Platz im Tor einbüßt, bedeutet das aber noch lange nicht. Jürgen Klinsmann spricht von einem Luxusproblem, zwischen zwei Weltklassetorhütern wählen zu können. Offiziell gilt Kahn als Nummer eins, Lehmann als sein Herausforderer. Doch mit seiner Leistung beim 2:0 in Teheran hat Lehmann seinen Führungsanspruch bekräftigt. „Er hatte hervorragende Aktionen“, sagte Klinsmann. Über den Stammplatz im Tor werden aber wohl nicht nur sportliche Aspekte entscheiden, sondern auch die Kopfnoten in Betragen und sozialem Verhalten. Teammanager Bierhoff erwartet künftig gegenseitigen Respekt von den beiden egozentrischen Torhütern, oder „grob gesagt: Die beiden haben die Schnauze zu halten“. Dass das ernst gemeint ist, hat der Fall Maier gezeigt.

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