Sport : Schmähungen und Geniestreiche

Nach einem 3:0 im Derby gegen Inter ist dem AC Mailand der italienische Titel kaum noch zu nehmen

Tom Mustroph[Mailand]
Trost vom Treter. Milans Mark van Bommel versucht, seinen Landsmann Wesley Sneijder aufzumuntern. Foto: Reuters
Trost vom Treter. Milans Mark van Bommel versucht, seinen Landsmann Wesley Sneijder aufzumuntern. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Den vielen Attacken im Spiel war ein ästhetisch beachtlicher Angriff vorausgegangen. Vor dem Mailänder Derby hatten die Fans des AC Mailand ein Transparent entrollt, das den gesamten zweiten Rang der Südkurve bedeckte. Die Milan-Fans hatten das Abendmahl gezeichnet – und dem gegnerischen Trainer Leonardo den Platz des Judas zugewiesen. Inters Coach hatte einst für den Lokalrivalen gespielt und dessen Mannschaft auch trainiert, nun musste der Brasilianer den Groll seiner alten Anhängerschaft aushalten. „Ich habe es gesehen, mich dann aber auf das Spiel konzentriert“, sagte Leonardo über das Banner. Aber auch während der 90 Minuten auf dem Rasen gab es für Inters Trainer wenig Grund zu Freude: Der AC Mailand bezwang seine Mannschaft überzeugend mit 3:0 (1:0) und strebt seinem 18. Meistertitel zu. Sieben Spieltage vor Schluss hat die Mannschaft von Massimiliano Allegri einen beruhigenden Vorsprung von fünf Punkten auf ihren stärksten Verfolger Inter.

„Wenn es nur noch 21 Punkte gibt, sind fünf Zähler eine ganze Menge’“, gab Leonardo zerknirscht zu. Nach der Niederlage dürfte nun die Champions League zum wichtigsten Wettbewerb für seinen Klub werden – das sind keine guten Nachrichten für Viertelfinalgegner Schalke 04. „Meine Mannschaft ist mental stark“, versicherte Leonardo. „Wir brechen nach dieser Niederlage nicht gleich zusammen und denken, wir seien die Schlechtesten der Welt.“

Sein Gegenüber Allegri gab sich alle Mühe, den Triumph nicht zu stark auszukosten: „Die Meisterschaft ist noch nicht entschieden. Es ist ist noch viel zu früh für Rechenspiele.“ Das Strahlen, das das Gesicht des 43 Jahre alten Trainers erhellte, strafte seine Worte freilich Lügen. Der unermüdliche Tüftler weiß, dass er in seinem ersten Jahr beim großen AC Mailand sein Meisterstück abgeliefert hat und ihm nur eine Kombination aus groben eigenen Fehlern und einer Wunderperformance der Konkurrenz den Titel noch streitig machen kann.

Allegris Taktik, die zentrale Achse mit den zweikampfstarken früheren Bundesligaprofis Kevin-Prince Boateng und Mark van Bommel zuzustellen und den ballgewandten Clarence Seedorf als Regisseur auf der linken Seite zu platzieren, erwies sich als Geniestreich. Seedorf verteilte aus dieser weniger umkämpften Zone die Bälle, wie er wollte. „Er war der beste Mann auf dem Feld“, lobte Allegri. Gemeinsam mit dem ebenfalls brillanten Pato und einem spielfreudigen, aber im Abschluss schwachen Robinho hob Seedorf wiederholt Inters Abwehr aus den Angeln. Einen frühen Lohn stellte Patos 1:0 nach nur 45 Sekunden dar. Inter kam Mitte der ersten Halbzeit besser ins Spiel, verpasste aber zwei Mal knapp den Ausgleich. „Hätten wir hier das Tor gemacht, wäre die Geschichte dieses Spiels anders verlaufen“, sagte Leonardo.

In der zweiten Halbzeit setzte der AC Mailand seine spielerische Überlegenheit in Resultate um. Erst provozierte Pato bei einem Sololauf in die entblößte Inter-Verteidigung eine Notbremse von Chivu, die dem Rumänen einen Platzverweis einbrachte. Später schloss er einen Konter zum 2:0 ab. Nach einem weiteren Gegenstoß verwandelte der eingewechselte Cassano einen selbst herausgeholten Elfmeter. Dass er für seinen Torjubel und ein kurz darauf begangenes Foul noch Gelb-Rot sah, konnten die Milan- Fans locker verschmerzen.

Ohnehin erlebten die 80 000 Fans ein Stadtduell der Superlative, das von hitzigen Zweikämpfen, teilweise grandiosen Spielzügen und erstaunlich vielen Torraumszenen geprägt war. Erstmals seit 18 Jahren trafen die Mailänder Klubs zudem als Spitzenreiter und Tabellenzweiter aufeinander. Damals, im Frühjahr 1993, hatte Milan ein 1:1 gegen den Verfolger gereicht, um Inter auf Distanz zu halten und sich anschließend den Titel zu sichern. Diesmal fiel das vorentscheidende Derby deutlich einseitiger aus.

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