Sport : Schmerzen sind relativ

Kurz nach Olympia starb ein Freund und Mannschaftskollege an Krebs – seitdem nimmt Anne Poleska Niederlagen weniger wichtig

Frank Bachner

Berlin - Die Rennen in Monaco und Rom waren Enttäuschungen. Anne Poleska schwamm schlecht. Doch sie hatte Erklärungen dafür. Sie startete im Juni aus vollem Training, sie steckte mitten in der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft, die heute in Montreal beginnt. Sie hatte weniger trainiert als vor den Olympischen Spielen 2004 in Athen, wo sie die Bronzemedaille über 200 Meter Brust gewonnen hatte. Sie hatte sich aufs Marketingstudium an der Universität in Tuscaloosa im US-Bundesstaat Alabama konzentriert.

Früher hätten sie diese Pleiten trotz allem schwer geärgert. Diesmal kam Anne Poleska zurück nach Essen und trainierte einfach weiter. „Sie war ziemlich entspannt“, sagt Horst Melzer, ihr Trainer in Deutschland. Er bereitet sie auf die Weltmeisterschaft vor. Gut möglich, dass die Olympiadritte keine WM-Medaille gewinnt. Es würde sie schmerzen, aber nicht allzu sehr, nicht mehr so wie früher. Das hat nicht bloß mit dem reduzierten Training zu tun. „Ich sehe jetzt vieles weniger verbissen als früher. Sportliche Erfolge sind etwas Relatives geworden. Das gilt selbst für Bronze bei Olympia“, sagt Anne Poleska. Seit dem vergangenen Sommer trägt sie fast jeden Tag ein Armband. „For Bernie“ steht darauf.

Bernardo war ihr Teamkollege. Er ist kurz nach den Olympischen Spielen an Leukämie gestorben. Für Anne Poleska war es ein Schock. Nicht bloß wegen des Todes, sondern auch wegen der Umstände, die mit diesem Tod zusammenhängen. „Ich habe mich nicht mehr von ihm verabschiedet“, sagt die 25-Jährige. „Das war besonders schlimm.“

Bernardo kam aus Ecuador, er schwamm wie Poleska für die Universität Tuscaloosa. „Er war der schlechteste Schwimmer von uns, aber er war immer lustig“, sagt Anne Poleska. „Er war unser Vorbild.“ Er wusste schon länger, dass er Krebs hatte. Als Poleska in Athen war, schrieben sie sich E-Mails. Da lag Bernardo schon im Krankenhaus. „Bring mir unbedingt ein T-Shirt mit“, schrieb er. Als Poleska zurückflog, hatte sie ein T-Shirt für Bernado im Gepäck. Aber sie hatte auch tausend andere Dinge im Kopf. Olympia und das Studium. Sie musste ein Referat ausarbeiten. Sie ahnte, dass es kritisch um Bernado stand. Aber da war doch noch diese Hausarbeit. Ich besuche ihn am Samstag, dachte Anne Poleska, dann habe ich Zeit.

„Am Mittwoch ist er gestorben“, erinnert sie sich. Anne Poleska traf das wie ein Keulenschlag. „Da hast du so ein blödes Referat geschrieben, hättest du ihn lieber besucht und eine schlechte Note in Kauf genommen“, warf sie sich immer wieder vor. Die ganze Uni-Mannschaft weinte um den Kollegen. Alle Schwimmer des Teams pflanzten einen Baum neben der Schwimmhalle. Für Bernardo.

Zur Beerdigung kam seine ganze Familie aus Ekuador. Anne Poleska „war hin und weg von ihr“. Der Vater wollte, dass man feiert. Er hat dann ein Lied gesungenfür seinen toten Sohn. Die Schwimmer waren gerührt. „Ich hätte nie ein Lied singen können“, sagt Poleska. „Aber uns allen hat das sehr viel Kraft gegeben, als wir gesehen haben, wie die Familie damit umgeht.“ Ein Teil von Bernados Asche wurde an dem Baum neben der Schwimmhalle verstreut, den Rest nahm die Familie mit nach Hause. Seither trägt Anne Poleska das Armband. Jeder aus der Mannschaft trägt es.

Die 25-Jährige hat seither diesen Tunnelblick verloren. Eine Niederlage, ein Streit mit ihrem Freund, so etwas reduziert sich zu Nebensächlichkeiten. „Niederlagen sind kein Weltuntergang“, sagt sie. Und ihrem Freund teilt sie mit: „Worüber streiten wir? Es gibt viel Schlimmeres.“ Im Team sieht sie sich jetzt vor allem als jemand, „der andere motiviert“.

Manchmal holen sie die Erinnerungen und die Schmerzen ein. Im Februar dieses Jahres brach sie auf einem Krankenhausflur zusammen. Anne Poleska hatte im Rahmen einer PR-Aktion die Kinderabteilung des Krefelder Krankenhauses besucht. Viele Kinder auf der Station haben Krebs. Anne Poleska hatte ihnen zugehört, hatte sie aufgemuntert. Vier Zimmer überstand sie, obwohl sie immer fahler wurde. Dann sank sie auf dem Flur zusammen. „Ich konnte nicht mehr“, sagt sie.

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