Sport : Schmerzhafte Einigung

Erstmals nach 13 Jahren gibt es mit Wladimir Kramnik wieder einen alleinigen Schachweltmeister – doch damit fangen auch Schwierigkeiten an

Martin Breutigam

Berlin - Als Wladimir Kramnik den letzten, alles entscheidenden Zug ausführte und sein Gegner ihm als Zeichen der Kapitulation die Hand reichte, lösten sich Jubelschreie im Spielsaal der kalmückischen Hauptstadt Elista. Kramnik, der nunmehr einzig wahre Schachweltmeister, erhob sich lächelnd von seinem Stuhl, reckte leicht die rechte Faust in Richtung Publikum und verschwand hinter die Bühne. Der 31-jährige Russe hatte soeben Wesselin Topalow, bis dahin Weltmeister des Weltschachbundes Fide, im Tiebreak mit 2,5:1,5 Punkten niedergerungen. „Diese Leistung ist für mich vergleichbar mit meinem Sieg gegen Kasparow“, sagte Kramnik. Vor sechs Jahren hatte er dem wohl besten Spieler der Schachgeschichte dessen allgemein als wertvoller angesehenen WM-Titel abgenommen.

Nach dem Sieg über Topalow in der südrussischen Provinz verwies Kramnik auf „Tendenzen des modernen Schachs“, die in diesem Match zu erkennen gewesen seien. „Es gab überhaupt kein Kurzremis, ich denke, darüber sind alle Schachfans glücklich“, sagte Kramnik. Der Erfolg sei von prinzipieller Wichtigkeit, „wenn man die Atmosphäre und das Verhalten des gegnerischen Teams bedenkt“. Als Kramnik mit 3:1 Punkten in Führung lag, hatte Topalows Manager Silvio Danailow den absurden Verdacht geäußert, Kramnik könnte während der Partien auf der Toilette heimlich einen Computer benutzen.

Danailow erwirkte mithilfe seiner Freunde Asmaiparaschwili und Makropoulos, die als Fide-Funktionäre dem Schiedskomitee angehörten, eine Verriegelung des Klos. Die Folgen sind bekannt: Kramnik trat nicht zur fünften Partie an, verlor sie kampflos, drohte mit Abreise, machte dann aber unter Protest weiter. Die Frage, ob er die Fide wie angekündigt trotz seines Sieges verklagen werde, ließ er unbeantwortet.

Immerhin, nach 13 Jahren ist die Spitze der Schachwelt unter Schmerzen wieder vereint worden. Damit sind aber längst nicht alle Probleme gelöst. Zunächst stellt sich die Frage, ob die in Elista erneut zutage getretenen korrupten Strukturen zu einer Selbstreinigung innerhalb der Fide führen. Dann dürften sich auch wieder Sponsoren finden. Nicht von ungefähr ließ Kirsan Iljumschinow, Präsident Kalmückiens und der Fide in einer Person, diese WM in seiner Heimat austragen: Das Preisgeld von einer Million Dollar, das sich beide Spieler teilen, stammt von Iljumschinow. Die nächste WM soll im September 2007 in Mexiko stattfinden. Kramnik ist für dieses Turnier mit acht Teilnehmern qualifiziert, Topalow nicht. Doch ob Kramnik mitmacht, bleibt abzuwarten. Er bevorzugt ein anderes WM-Format, nämlich die WM-Tradition der Zweikämpfe. Kramnik sieht sich als 14. Weltmeister in einer natürlichen Linie mit Heroen der Schachgeschichte wie Steinitz, Lasker, Capablanca und später Fischer, Karpow, Kasparow. Gewiss wäre es Kramnik lieber, wenn beim Turnier in Mexiko nicht der Weltmeister, sondern sein Herausforderer ermittelt würde.

Ebenfalls ungeklärt ist die Frage, wie man künftig bei den großen Turnieren in Wijk aan Zee, Linares oder Dortmund Manipulationen vorzubeugen gedenkt. Spieler in entscheidenden Partiephasen mit starken Computerzügen zu „dopen“, wäre kein besonderes Problem, vorausgesetzt, jemand hat kriminelle Energie, einen Helfer und technische Möglichkeiten, die zwei, drei Bytes pro Zug zu übermitteln. In Elista verhinderten Störsender, dass elektronische Signale in den Spielsaal gelangen konnten, eine Glaswand zwischen Spielern und Zuschauern unterband heimliche Zeichensprache, und die Ruheräume wurden mit Videokameras überwacht. All dies war vor Beginn von Kramniks Seite gewünscht worden.

Der Weltmeister meint, solche Maßnahmen müssten künftig Standard werden. Viswanathan Anand, Weltranglisten-Zweiter, hält sie dagegen für übertrieben. „Ich glaube, es genügt, die Spieler zu überprüfen, wenn sie in den Turniersaal kommen“, sagt der Inder. „Wir brauchen keine Überwachung in der Toilette und diese ganze Scheiße. Wir Schachspieler sind noch zivilisiert.“ Kramnik verspürte nach dem dreiwöchigen Psychodrama vor allem einen Wunsch: mit seinem Team endlich einen trinken gehen.

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