Sport : Schmerzhafte Wut

Kiels Handballer rächen sich mit rekordverdächtigen Leistungen für den verpassten Meistertitel.

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Berlin - Heiner Brand hatte es schon im September geahnt. „Der THW Kiel wird gereizt in die neue Spielzeit gehen“, hatte der ehemalige Handball-Bundestrainer vor dem Bundesliga-Saisonstart erklärt. „Das macht die Mannschaft noch gefährlicher, als sie ohnehin schon ist.“ Brand lag richtig. Seit Kiels Serie von sechs nationalen Meistertiteln in Folge im Mai 2011 vom HSV Hamburg beendet worden ist, demütigt der Rekordmeister die Konkurrenz in erschreckender Regelmäßigkeit. Es scheint, als bekomme die Bundesliga die ganze Wut des THW nach der verpassten Meisterschaft zu spüren.

Am heutigen Mittwoch hat die Mannschaft von Trainer Alfred Gislason nun sogar die Gelegenheit, eine historische Bestmarke einzustellen: Wenn der THW sein Heimspiel gegen Eintracht Hildesheim gewinnt, ist der Bundesliga-Startrekord des TBV Lemgo aus der Saison 2002/03 (34:0 Punkte) egalisiert. Mit einem Sieg in Gummersbach am zweiten Weihnachtsfeiertag können die Kieler endgültig Geschichte schreiben.

„Ich gehe fest davon aus, dass unser alter Rekord fällt“, sagt Volker Zerbe. Der 2,11-Meter-Hüne gehörte 2003 zur Lemgoer Meistermannschaft, heute beobachtet er das Geschehen als Geschäftsführer beim Traditionsklub aus Ostwestfalen. Zerbe sagt: „Ich habe schon lange keine Mannschaft mehr so dominant auftreten sehen wie den THW. Der Verein genießt eine absolute Ausnahmestellung.“

Dabei sind es nicht allein die 16 Siege in Serie, die die Konkurrenz ehrfürchtig vom Tabellenführer sprechen lassen. „Die Art und Weise, wie diese Siege zustande gekommen sind, ist mindestens genauso beeindruckend“, sagt Zerbe. Abgesehen von den Füchsen Berlin, die ihr Heimspiel gegen den THW 32:33 verloren, hat es keine Mannschaft aus dem oberen Tabellendrittel geschafft, die Kieler über 60 Minuten zu fordern – nicht die SG Flensburg-Handewitt (Hinspiel: 21:35/Rückspiel: 27:32), nicht die Rhein-Neckar Löwen (27:30), nicht der SC Magdeburg (26:33) und auch nicht der amtierende Meister HSV. Vier dieser sechs Begegnungen haben die Kieler sogar auswärts gewonnen.

Zerbe wundert das nicht. Der 43-Jährige weiß schließlich, wie sich so ein Lauf anfühlt. „Wir sind damals total befreit in die Spiele gegangen, der Glaube an die eigene Stärke hat uns getragen. Wir hatten das Gefühl, dass uns niemand aufhalten kann. Das spürt man jetzt auch bei den Kielern.“ Im Gegensatz zum TBV Lemgo, der damals die schnelle Mitte perfektionierte und zum Rekord und später auch zum Titel eilte, definieren sich die Kieler über herausragende Individualisten. Mit Torhüter Thierry Omeyer und Filip Jicha stehen die Welthandballer der Jahre 2008 und 2010 im Kader, der mit vielen weiteren Weltklasse-Spielern gespickt ist: Daniel Narcisse, Kim Andersson, Marcus Ahlm, Aron Palmarsson, Christian Zeitz – die Liste ließe sich fortführen. „Der THW hat auf jeder Position einen der aktuell besten Spieler“, sagt Zerbe. Dass die Luxusauswahl trotzdem als Team funktioniert, ist das große Verdienst von Trainer Alfred Gislason.

An einen Kieler Meistertitel ohne jeden Punktverlust glaubt Zerbe trotzdem nicht. „Dafür sollte die Belastung in den nächsten Monaten normalerweise zu hoch sein.“ Wie selbstverständlich sind die Kieler nach dem 39:28 gegen die Füchse Berlin auch in das DHB-Pokal-Viertelfinale eingezogen, zudem führen sie ihre Vorrundengruppe in der Champions League an, in der sie ebenfalls zu den Favoriten zählen. Ausschließen will Zerbe das Durchmarsch-Szenario allerdings auch nicht. „Von der Qualität her“, sagt der Manager, „muss man dieser Mannschaft einfach alles zutrauen.“

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