Sport : Schmetternde Verbindung

Angelina Grün führte Deutschlands Volleyballerinnen zum 3:2 über Italien – dort ist sie mit Starspieler Hübner liiert

Felix Meininghaus

Berlin. Irgendwo in der ganzen Traube hüpfte auch Angelina Grün. Schwer zu sagen wo, die ganze Mannschaft stand eng beisammen, jede Spielerin lag in den Armen einer anderen, und gemeinsam hüpften sie wie kleine Kinder. Sie hatten die Sensation geschafft, die deutschen Volleyballerinnen. Sie hatten gestern Nachmittag das Halbfinalspiel der Qualifikation in Baku (Aserbaidschan) gegen Italien 3:2 (15:25, 19:25, 25:21, 25:23, 17:15) gewonnen. Gegen Italien, den Weltmeister. Jetzt stehen die Deutschen ganz kurz vor einem Auftritt bei den Olympischen Spielen 2004. Alles hängt vom Finale ab. Sollten sich die Deutschen auch heute im Endspiel gegen die Türkei durchsetzen, dürfen sie in Athen starten. Die Türkinnen, Vizeeuropameister, hatten sich im zweiten Halbfinale mit 3:1 (23:25, 25:16, 25:18, 25:18) gegen Polen durchgesetzt.

Entscheidenden Anteil am deutschen Final-Einzug hatte Angelina Grün. Die Italien-Legionärin, die in Bergamo spielt. Sie riss die anderen mit, als die mal kurz im Tief steckten, sie wusste, dass sie Vorbildcharakter hat. Sie hatte in diesem Halbfinale selber ihre Tiefpunkte, sie wusste, dass die ganze Mannschaft verlieren würde, wenn sie sich jetzt hängen ließe. Doch die Mannschaft von Bundestrainer Hee Wan Lee bog noch ein Spiel um, das mehrmals verloren schien. Das Team wehrte bei diesem Glanzstück unter anderem zwei Matchbälle ab. Dabei hatten die Deutschen in der ersten Hälfte der Begegnung noch müde gewirkt, weil bereits die beiden Spiele zuvor gegen Polen und Russland über kraftraubende fünf Sätze gegangen waren. Zu wenig Power, zu wenig Mumm, das galt in dieser Phase auch für die Chefin Angelina Grün. In den Sätzen drei, vier und fünf rafften sich die Deutschen jedoch zu einer bewundernswerten Energieleistung auf. Die Weltmeisterrinnen scheiterten letztlich am unbändigen Willen des deutschen Ensembles. Für Angelina Grün war es vor allem ein Sieg des Teamgeistes, „durch den wir immer wieder zu neuen Kräften kommen. Jetzt müssen wir sehen, dass wir bis zum Finale noch einmal auftanken“.

Angelina Grün gibt sich stets freundlich bis euphorisch, so gesehen ist diese Art von Freude nichts Ungewöhnliches. Und doch reagierte sie eher kühl, als man von ihr mehr Emotionen erwartet hatte. Denn als sie vor einiger Zeit erfahren hatte, sie sei von den Lesern des Fachblattes „Volleyball Magazin“ zur „Volleyballerin des Jahres“ gewählt worden, hat sie die Sache relativ schnell und geschäftsmäßig abgehakt. Wer sonst außer der alles überstrahlenden Spielerpersönlichkeit in der national so überschaubaren Frauen-Volleyballszene sollte auch sonst für diese Auszeichnung in Frage kommen? Und doch war es diesmal etwas Besonderes. Denn Angelina Grün ist zum vierten Mal in Folge zur Besten gekürt worden. Das gab es noch nie, keine Ariane Radfan, keine Susanne Lahme, keine Sylvia Roll hat das geschafft.

Allein dieser Umstand dokumentiert, welch überragenden Status sich die 24-jährige Außenangreiferin erarbeitet hat. Und was für Deutschland wahr ist, gilt in zunehmendem Maße auch für Italien. Dort, wo Volleyballer sehr viel Geld verdienen, schlägt Angelina Grün seit drei Jahren auf. Erst in Modena, seit dieser Saison beim Branchenführer Radio 105 Foppapedretti Bergamo.

In dieser Zeit ist sie von einer hoch veranlagten Spielerin zu einem Topstar gereift. Mit allen Vergünstigungen, die dieser Status mit sich bringt: Ein gut dotierter Kontrakt beim Verein sowie ein Individualvertrag mit dem Sportartikel-Hersteller Asics, Ausrüster des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV). Ein solches Privileg genießt bei den deutschen Volleyballern sonst nur Stefan Hübner, der ebenfalls in Italien sein Geld verdient, und mit dem Angelina Grün liiert ist. Das Paar Angelina Grün und Stefan Hübner ist in der Szene der größte Werbeträger ihrer Sportart. Und der Geschäftsführer von Asics sagt: „Wir brauchen Athletinnen wie Hübner und Grün, um Volleyball ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu transportieren.“

Die Popularität von Angelina Grün in ihrer Wahlheimat dürften Auftritte wie von Baku weiter steigern. Längst erkennt man die sprungstarke Deutsche in der 120 000-Einwohner-Stadt Bergamo auch dann, wenn sie sich außerhalb der Halle bewegt: Als sie vor einigen Wochen beim Chinesen ihr Essen bezahlen wollte, wiegelte der Restaurantbesitzer ab und sagte der Volleyballerin, es sei ihm eine Ehre, sie einzuladen. Und als sie auf dem Weg zu ihrem Freund an einer Autobahn-Raststätte eine Pause einlegte, kam Angelina Grün kaum zum Kaffee trinken, so viele Autogramme musste sie schreiben.

In Deutschland gibt es so etwas nicht, da treten Volleyballer unbemerkt auf. Allerdings ist das Anspruchsdenken hierzulande auch nicht so hoch wie in Italien. Als Angelina Grün mit den Bossen von Bergamo um eine Titel-Prämie feilschte, haben die Funktionäre kühl abgewinkt. Man erwarte den Titel von ihr so oder so. Eine Prämie sei nicht nötig. „Das sind hier die Ansprüche“, sagt Angelina Grün.

So ist das eben, wenn eine von der Mitläuferin zum Star aufsteigt.

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