Sport : Schmiergeld im Tor

Auch die Türkei hat ihren Fußball-Skandal: Seit Jahren schon sollen Spiele verschoben werden – nun schaltet sich die Politik ein

Thomas Seibert[Istanbul]

Wenn man Trainer Adnan Dincer glauben kann, dann sind im türkischen Profi-Fußball nur selten sportliche Leistungen, Kampfgeist und Spielwitz wirklich entscheidend. Statt dessen bestimmen illegale Absprachen, Schmiergelder, Doping und die Mafia das Geschehen auf dem Spielfeld. Dass etwas faul ist in der „Süper Lig“, der höchsten Spielklasse in der Türkei, wird schon lange vermutet. Das türkische Parlament hat zu dem Thema einen eigenen Untersuchungsausschuss eingesetzt. Vor diesem Ausschuss hat jetzt Dincer ausgesagt, und nun wird die ganze Brisanz des Skandals deutlich, auch im Vergleich zu anderen Ländern. Während sich etwa in Deutschland die Korruptionsvorwürfe um die Schiedsrichter drehen, steht in der Türkei das gesamte Profi-System am Pranger. Sogar Nationaltrainer Ersun Yanal soll in den Skandal verwickelt sein.

90 Prozent aller Klubs seien an illegalen Schmiergeldzahlungen und Bestechungen beteiligt, sagte Dincer vor dem Ausschuss. Wer nicht mitspiele, habe keine Chance, wie er selbst am eigenen Leib erlebt habe. Als Trainer brachte Dincer den südtürkischen Provinzclub Antalyaspor in die erste Liga. Doch als er seine Mannschaft zum Sieg über die Traditionsmannschaft Fenerbahce Istanbul führte, habe deren Vereinsführung dafür gesorgt, dass er gefeuert wurde. Dincer sprach damit an, was türkische Fußballfans ohnehin als Tatsache ansehen: In der Fußballszene ihres Landes läuft nichts gegen die „Großen Drei“ – die Istanbuler Vereine Fenerbahce, Galatasaray und Besiktas, die mehr Geld haben als alle anderen Vereine und seit Jahren die Meistertitel unter sich ausmachen.

Dincer ging noch weiter. Es sei ausgeschlossen, dass die Schiebereien ohne Mitwisserschaft der Verantwortlichen Verband stattfänden, sagte er: „Alle stecken mit drin.“ Mit dieser Analyse steht Dincer nicht allein. Der stellvertretende Vorsitzende des Fußball-Untersuchungsausschusses im Parlament, Ahmet Ersin, zog vor wenigen Tagen ebenfalls eine niederschmetternde Zwischenbilanz seiner Arbeit: „Nach unseren bisherigen Erkenntnissen ist der Fußball ein Paradies für Spielabsprachen, Prämienzahlungen und die Mafia.“

Ausgelöst wurde der Skandal durch Polizei-Mitschnitte von Telefonaten einer türkischen Mafia-Bande. Der Inhalt der Protokolle gelangten Ende vergangenen Jahres an die Öffentlichkeit. In vielen dieser Gespräche ging es vor allem um die Manipulation von Fußballspielen. Verbindungen zwischen organisiertem Verbrechen und dem Spitzenfußball in der Türkei waren schon einige Monate früher ruchbar geworden, als Funktionäre von Besiktas Istanbul dem berüchtigsten Mafioso des Landes, Alaattin Cakici, bei der Flucht ins Ausland halfen.

Das „Paradies für die Mafia“ besteht aber nicht erst seit gestern. Schon vor drei Jahren berichtete ein türkischer Schiedsrichter in seinen Memoiren, Schiebung sei bei Fußballspielen in der Türkei und auch in europäischen Wettbewerben an der Tagesordnung. Ähnlich wie beim Fußball-Skandal in Deutschland geht es auch in den in der Türkei bekannt gewordenen Fällen immer wieder darum, mit Wetten auf manipulierte Spiele viel Geld zu verdienen.

Während es in der türkischen Fußball-Szene ohnehin schon drunter und drüber geht, sorgte der Profi-Spieler Cafer Aydin jetzt noch für zusätzliche Aufregung. Aydin sagte in einem Fernsehinterview, er habe vor drei Jahren als Stürmer des Erstligisten Ankaragücü eine illegale Zahlung von 10 000 Dollar erhalten; auch seine Mannschaftskollegen seien bedacht worden. Sein damaliger Trainer Ersun Yanal habe das Geld verteilt und eine Summe für sich selbst behalten. Yanal, inzwischen Nationaltrainer, dementierte umgehend. Der Fußballverband erklärte die Vorwürfe für verjährt – er will mitten in der Qualifikation für die WM 2006 in Deutschland unter allen Umständen einen Trainerwechsel vermeiden.

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