Sport : Schneeforscher (I): Neue deutsche Welle

Benedikt Voigt

Wissen Sie, was der V-Stil ist? Kennen Sie Jaromir Jagr? Und wer sind die Favoriten beim Snowboard? Der Wintersport ist vielfältig und mitunter kompliziert. In dieser Serie stellen wir Ihnen die 13 olympischen Wintersportarten vor.

Was tut man nicht alles für eine verlängerte Nachtruhe und ein geruhsames Frühstück? Die deutschen Skispringer zum Beispiel verzichten bei den Olympischen Spielen auf das Erlebnis, im Olympischen Dorf in Salt Lake City zu nächtigen. "Der Wettkampf beginnt um halb neun, da hätten wir schon um fünf oder halb sechs Uhr aufstehen und frühstücken müssen", sagt Wolfgang Steiert, der Kotrainer der deutschen Skispringer. Nur aus diesem Grund würden Sven Hannawald und Martin Schmitt nun in Park City in der Nähe der Olympiaschanze schlafen. Steiert versichert: "Die Finnen und die Österreicher sind auch dort, das ist keine Sonderbehandlung."

Sven Hannawald und Martin Schmitt sind die beiden größten Stars des deutschen Olympia-Aufgebots. Nicht nur, dass sie mit jeweils geschätzten zwei Millionen Euro den höchsten Jahresverdienst aller 160 deutschen Olympiastarter einstreichen. Auch in der Gunst der Zuschauer liegt ihre Sportart vorn. 13,23 Millionen Deutsche saßen vor dem Fernseher, als Sven Hannawald in Bischofshofen die Vollendung des historischen Sieges in allen vier Springen der Vierschanzentournee gelang. Einen derartigen Zuschauerzuspruch haben sonst in Deutschland nur Fußballspieler oder Formel-1-Rennfahrer. Martin Schmitt war 1999 bereits "Sportler des Jahres" in Deutschland, Sven Hannawald stieg durch seinen historischen Erfolg bei der Vierschanzentournee zum neuen Liebling der Nation auf.

Die Eisschnellläuferin Anni Friesinger oder selbst dreifache Gewinner einer olympischen Goldmedaillie wie der Rodler Georg Hackl oder der Biathlet Ricco Groß können von derartiger Popularität nur träumen. Das mag auch daran liegen, dass Skispringen nicht von Olympia abhängig ist. "Wir haben viele Höhepunkte im Jahr", erklärt Wolfgang Steiert, "die Olympischen Spiele sind nur ein Highlight in der Saison." So fesselt auch die Vierschanzentournee oder die Skiflug-Weltmeisterschaft die Zuschauer vor dem Fernseher. Wolfgang Steiert sagt sogar über den Olympischen Wettbewerb: "Für uns ist das nichts anderes als ein Weltcupspringen."

Freilich ein besonderes. Sonst würden die sechs deutschen Skispringer, die nach Salt Lake City fahren, sich nicht gegenwärtig in Lillehammer auf die Olympischen Spiele vorbereiten. Die Weltcupspringen in Hakuba und Sapporo ließen die Olympiastarter aus. Sven Hannawald, der gestern in der Fernsehshow "Wetten, dass?" auftrat, flog heute nach Norwegen nach. Hannawald nutzte die Pause seit Zakopane, um in Hinterzarten durch Krafttraining und Fußball spielen auf andere Gedanken zu kommen. "Akku aufladen", nennt der 27-Jährige das. Martin Schmitt konzentrierte sich auf Materialtests. "Wir wollen zwei Medaillen holen", hat Bundestrainer Reinhard Hess für die Olympischen Spiele ausgegeben. "Immerhin springt bei uns der vierfache Tourneesieger", ergänzt Steiert. Im Mannschaftsspringen scheint eine Goldmedaille möglich. "Aber es kann auch keine werden, die Finnen und die Österreicher sind sehr stark", sagt der Kotrainer.

Einen ähnlichen Trubel wie in Europa - in Zakopane pfiffen viele der 80 000 polnischen Fans Sven Hannawald aus - erwartet Steiert in Salt Lake City nicht. "Unsere Springen sind zwar auch ausverkauft, aber die Amerikaner kennen Sven Hannawald nicht." Fanansammlungen wie beim Weltcup in Willingen, wo hunderte junger Mädchen das Hotel von Hannawald belagerten, sind bei den Olympischen Spielen nicht zu erwarten. Im Gegenteil, Steierts Sorgen sind anderer Natur. Seine beiden Stars hat er schon ermahnt, auf ihre Akkreditierungen aufzupassen. Man könne ruhig Sven Hannawald oder Martin Schmitt heißen, sagt der Kotrainer. "In Amerika zählt nicht der Name, sondern allein die Akkreditierung."

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