Sport : Schneeforscher (II): Die Millionäre kommen

Claus Vetter

Wissen Sie, was der V-Stil ist? Kennen Sie Jaromir Jagr? Und wer sind die Favoriten beim Snowboard? Der Wintersport ist vielfältig und mitunter kompliziert. In dieser Serie stellen wir Ihnen die 13 olympischen Wintersportarten vor.

1980, Tatort Lake Placid. Eine Truppe von College-Boys aus Minnesota lehrt die Großen des Eishockeys das Fürchten. Banal gesagt: Die USA gewinnen das Finale der Olympischen Spiele gegen die damalige Eishockey-Weltmacht UdSSR mit 4:3. Für viele Amerikaner war es ein historischer Triumph mitten im Kalten Krieg: der Sieg des amerikanischen Traums gegen den Sozialismus. En Stoff, an dem auch Hollywood nicht vorbeikam. Den Helden von Lake Placid wurde ein Spielfilm gewidmet.

Das Turnier von Salt Lake City verspricht Eishockey auf höchstem Niveau. Neben den Männern auch bei den Damen, die zum zweiten Mal nach Nagano dabei sind. Ein Finale zwischen Kanada und Olympiasieger USA scheint programmiert. Die deutschen Damen sind erstmals qualifiziert, ihnen fällt wohl die Rolle des Außenseiters zu. Für das Turnier der Männer unterbricht die NHL ihren Spielbetrieb zwischen dem 15. und 24. Februar, nur für die Endrunde. Dafür sind sechs Teams gesetzt: die USA, Kanada, Schweden, Russland, Finnland und Titelverteidiger Tschechien. In zwei Vorrundengruppen balgen sich zuvor je vier Teams ab dem 9. Februar um die letzten zwei freien Plätze der Endrunde.

Darunter ist auch die deutsche Nationalmannschaft. Ihre Gruppengegner heißen Slowakei, Lettland und Österreich. Den ersten Platz müsste die Mannschaft von Bundestrainer Hans Zach zum Weiterkommen erreichen. Das wird schwer, obwohl in der NHL so viele Deutsche wie nie zuvor spielen. Da die beste Liga der Welt aber erst zur Endrunde pausiert, kann Zach kaum auf Unterstützung hoffen: Marco Sturm erhält von den San Jose Sharks nur die Freigabe für das Auftaktspiel gegen die Slowakei. Torhüter Olaf Kölzig von den Washington Capitals könnte im letzten Gruppenspiel gegen Österreich spielen. Das aber will Zach nicht. "Kölzig soll sich den Stress ersparen", sagt der Bundestrainer. "Nur wenn wir weiterkommen, wird er spielen." Pendeln zwischen NHL und Olympia kommt auch für Jochen Hecht von den Edmonton Oilers nicht in Frage. Der vierte Deutsche kann auch nicht: Uwe Krupp, bislang einziger deutscher Stanley-Cup-Sieger, ist verletzt. Und Sascha Goc von Tampa Bay Lightning hält Zach nicht für gut genug.

Sturm, Hecht und Kölzig können also erst in der Endrunde eingreifen. Die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) ist sich allerdings sicher, dass dann für das junge deutsche Team alles vorbei ist. Wenn am 22. Februar in Salt Lake City das Halbfinale ansteht, wird in der DEL schon wieder gespielt. Der Eishockey-Fan wird trotzdem noch nach Salt Lake City schielen. Schließlich treten dort so viele NHL-Profis an wie nie zuvor bei Olympia. Ein Stelldichein der Dollar-Millionäre, bei deren Gehältern Wintersportler aus Deutschland Ohrensausen bekommen: Skispringer Sven Hannawald ist mit zwei Millionen Euro Jahressalär der Großverdiener unter den deutschen Olympioniken. Dafür würde Jaromir Jagr nicht mal den Schläger in die Hand nehmen. Der Tscheche verdient in Washington elf Millionen Dollar pro Saison, Prämien nicht eingeschlossen.

Dream-Team ist im Eishockey nicht gleich Dream-Team wie etwa im Basketball. Das haben Kanada und die USA trotz Stars wie Wayne Gretzky oder Brett Hull 1998 beim ersten Olympia-Auftritt der NHL-Elite in Nagano erfahren: Kanada wurde nur Vierter, die USA scheiterten im Viertelfinale. Nachdem die Amerikaner dann im Frust feinsäuberlich ihre Hotelzimmer zerlegt hatten, schloss Präsident Bill Clinton sie vom nacholympischen Empfang aus. Eishockey ist für Amerikaner eine Frage des Nationalstolzes. Sieger werden gefeiert, Versager geächtet.

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