Sport : Schneewalzer in Istanbul Galatasaray schockt Turin in einem bizarren Spiel

von
Matsch-Winner. Wesley Sneijder erzielte in der 85. Minute das entscheidende Tor für Galatasaray. Sonst hatte das Spiel aufgrund der Platzverhältnisse nur sehr wenig mit Fußball zu tun. Foto: dpa
Matsch-Winner. Wesley Sneijder erzielte in der 85. Minute das entscheidende Tor für Galatasaray. Sonst hatte das Spiel aufgrund...Foto: dpa

Istanbul - In der Nacht ergab sich ein Problem, dass im Zeitalter des globalisierten Spitzenfußballs nicht alle Tage vorkommt. Das Champions-League-Spiel von Galatasaray Istanbul gegen Juventus Turin war am Dienstagabend wegen schweren Schneefalls abgebrochen worden und sollte am Mittwochnachmittag erneut angepfiffen werden. Allerdings waren sowohl die Schiedsrichter als auch die Gäste aus Italien mit nur einem Satz Trikots angereist, die nach den 31 absolvierten Spielminuten völlig durchnässt und mit Schlamm bespritzt waren. Funktionäre von Gastgeber Galatasaray klingelten deshalb zu später Stunde die Belegschaft einer Istanbuler Schnellreinigung aus den Betten, um die Trikots waschen zu lassen. Die Gastfreundschaft der Türken hatte allerdings ihre Grenzen: Bei der Fortsetzung des Spiels siegte Galatasaray 1:0 (0:0) und warf Turin damit aus der Champions League. Immerhin 37 375 der 52 000 Zuschauer vom Vortag sahen Teil zwei. Der Zustand des Spielfelds in Istanbul dürfte aber noch lange Thema sein.

„Es ist nicht fair, bei diesen Bedingungen zu spielen. Wir wurden auf enorme Art und Weise bestraft“, klagte Turins Trainer Antonio Conte. Er gab aber zu: „Das haben wir uns selbst eingebrockt.“ Sein italienischer Kollege Roberto Mancini von Galatasaray konnte sich über den Sieg freuen, die Umstände des Spiels gefielen aber auch ihm nicht: „Es war gefährlich für die Spieler.“ Nach einer Platzbesichtigung am Mittwoch hatten Uefa-Vertreter entschieden, das Spiel um 14 Uhr wieder anpfeifen zu lassen. Doch als die Partie beim Stand von 0:0 mit einem Schiedsrichterball fortgesetzt wurde, setzte erneut heftiger Schneefall ein. Das Stadiondach, das in der erst vor drei Jahren gebauten Arena noch nie richtig funktioniert hat, war auch diesmal wieder offen, die Rasenheizung versagte wie schon am Dienstagabend.

Die Folge war ein über weite Strecken bizarr anmutendes Gekicke. Das Spielfeld war so aufgeweicht, dass der Ball häufig unerwartet steckenblieb – selbst Flachpässe auf kurze Distanz wurden zum Risiko, Tempodribblings waren schlichtweg unmöglich. Bei jedem Schritt spritzte das Wasser. Von einem Rasen konnte auf großen Teilen des Platzes kaum gesprochen werden; in einer Hälfte zog sich ein breiter brauner Matschstreifen von der Mittellinie bis zum Strafraum. Hin und wieder fielen Schneeblöcke vom Stadiondach und zerschellten auf dem Spielfeld.

Das Spiel glich zeitweise dem Vorstadtgebolze an einem Sonntagnachmittag. Torszenen waren selten und ergaben sich – wenn überhaupt – meistens aus Freistößen oder Eckbällen. Umso überraschender war der Siegtreffer der Gastgeber in der 85. Minute. Einen langen Pass verlängerte Didier Drogba per Kopf zu Wesley Sneijder, der Niederländer überwand Juventus-Torwart Gianluigi Buffon mit einem holprigen Flachschuss. Sneijder und seine Mitspieler wirkten mindestens ebenso überrascht wie erfreut und bildeten einen spontanen Jubelhaufen auf einem Schneeberg am Spielfeldrand. Juventus fand keine Antwort mehr, die Italiener rutschten durch die Niederlage in der Gruppe B auf Rang drei und müssen nach der Winterpause in der Europa League weiterspielen.

Nicht nur Juventus schien auf die Schneeschlacht am Bosporus schlecht vorbereitet – auch die Istanbuler wurden überrumpelt, obwohl die Schneefälle tagelang vorher angekündigt worden waren. Die wenigen Helfer, die mit hölzernen Schneeschiebern versuchten, den Platz freizumachen, standen auf verlorenem Posten. Die Sportzeitung „Fanatik“ merkte an, die schlechteVorbereitung sei bedenklich für einen Klub, der sich zum Ziel gesetzt habe, unter die zehn besten Mannschaften Europas aufzusteigen. Selbst die roten Bälle für das Spiel im Schnee seien zu spät geliefert worden. Angesichts des für Galatasaray so positiven Resultats könnte der Ärger in Istanbul schnell vergessen sein. Thomas Seibert

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben