Sport : Schnell angekommen

Tobias Unger ist die neue deutsche Sprinthoffnung

Frank Bachner

Ulm. Diese Wette fand Tobias Unger gar nicht komisch. „Ich wette, dass Markus Malucha die 200 Meter mit zwei Metern Vorsprung vor Tobias gewinnt“, hatte der Leichtathletik-Trainer aus Tübingen vor ein paar Wochen verkündet. Unger schwieg – und lief. So schnell, dass sein Konkurrent Malucha keine Chance hatte bei den Baden-Württembergischen Meisterschaften. Er lief mäßige 20,98 Sekunden, Unger gewann in 20,41 Sekunden, hatte die A-Norm für die Weltmeisterschafts-Qualifikation geschafft.

Seit Jahren ist kein deutscher Sprinter über 200 m so schnell gelaufen wie Tobias Unger, der Mann von Salamander Kornwestheim. Er ist deshalb auch Favorit für die 200 m bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften an diesem Wochenende in Ulm. Dem gehässigen Trainer aus Tübingen hat er nach seinen 20,41 Sekunden keinen Blick geschenkt. „Ich erlebe es immer wieder, dass mir Trainer einen Erfolg nicht gönnen“, sagt Unger. Gut möglich, dass ihn diese Souveränität vor einigem bewahren wird. Und die Leichtathletik-Fans vor einer neuen Enttäuschung. Dass sie wieder ein Talent verschwinden sehen. Bis jetzt ist Unger nicht mehr als ein Hoffnungsträger für den deutschen Sprint. Noch einer. Es gab schon mehrere. Stefan Holz zum Beispiel, den sensiblen Athleten vom VfL Sindelfingen. Er lief vor vier Jahren starke Zeiten über 200 m, doch der anschließende Rummel verunsicherte ihn völlig. Er beendete in Ulm seine Laufbahn. Als Staffelläufer, mit 24 Jahren. Oder Tim Goebel. Der sprintete schon als B-Jugendlicher die 100 m in 10,38 Sekunden. Der Selbstdarsteller Goebel berauschte sich dann an seiner vermeintlichen Größe und fiel tief ins Leistungsloch. In Ulm fehlt er wegen einer Verletzung.

Es sieht so aus, als hätte Unger diese gesunde Mischung. Er ist selbstbewusst genug, um Rück- und Gegenschläge abzufedern, aber auch realistisch genug, um Mängel und Defizite zu erkennen. „Tobias ist sehr selbstkritisch“, sagt Uwe Hakus, Chef-Bundestrainer der deutschen Sprinter. „Er lässt sich viel sagen und arbeitet intensiv an sich.“ Im Olympiajahr 2004 könne Unger 20,30 Sekunden laufen, sagt Hakus. „Damit ist man ganz nahe an einem Finalplatz.“ Unger hört jetzt diese Frage ständig: „Na, kommst du ins Finale bei der WM?“ – „Klar, Deutschland wartet ja auf einen neuen guten Sprinter“, sagt der 24-Jährige dann. Wartet Deutschland damit auf ihn? „Ich spüre schon den Druck“, sagt Unger, „aber im Moment macht er mir noch nichts aus.“ Er war 16 und gerade Dritter der deutschen B-Jugendmeisterschaften über 100 m geworden, da fragte ihn ein Radioreporter, wovon Unger denn träume. „Von der EM oder WM“, sagte der Sprinter. Der Reporter lachte, aber Unger arbeitete unbeirrt weiter. 2001 wurde er deutscher Vizemeister über 200 m, 2003 Deutscher Hallenmeister über diese Distanz. Jetzt läuft er bei der WM. Das ist der selbstbewusste Unger.

Der bodenständige Unger lief mal bei einem Hallen-Meeting in Stuttgart auf Maurice Greene zu, den früheren Weltrekordler über 100 m. Es war ein Test. „Ich wollte wissen, ob so einer mit mir überhaupt redet.“ Greene redete mit Unger, es war ein kurzes, nettes Gespräch, und Unger war fasziniert von der Lockerheit des US-Sprinters Minuten vor dem Start. Hemmung verloren und Respekt gewonnen – Tobias Unger ist angekommen in der Welt der großen Sprinter.

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