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Im Sprint sind die Briten seit 20 Jahren bei der EM stets vorn

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Von Jörg Wenig

München. „Wir tappen im Dunkeln“, sagt Max Jones. Er ist der Cheftrainer der britischen Leichtathleten. Und es ist dieses Team, das in München quasi als Gesamt-Titelverteidiger antritt. Denn vor vier Jahren, bei den Europameisterschaften in Budapest, stellten die Briten mit neun Goldmedaillengewinnern die erfolgreichste Mannschaft – knapp vor dem deutschen Team, das damals acht Siege verbuchte. Die Briten tappen in München im Dunkeln, weil sie eine ungewöhnliche Belastung verkraften müssen. Während es für die anderen europäischen Nationen in diesem Jahr mit den Titelkämpfen von München einen einzigen Höhepunkt gibt, auf den sich die Athleten konzentrieren können, haben die Briten zwei. Und das auch noch binnen zwei Wochen. Erst am vergangenen Mittwoch stand bei den Commonwealth Games vor heimischem Publikum in Manchester die letzte Leichtathletik-Entscheidung auf dem Programm.

„Wir fahren von den Commonwealth Games direkt zu den Europameisterschaften – ich glaube, das ist ziemlich einmalig im internationalen Sport“, sagt Max Jones, der deswegen nicht sicher ist, wie stark das britische Team aufgrund der Doppelbelastung in München sein kann. Dass die Briten, die aufgrund der Commonwealth Games bei der Schwimm-EM in Berlin gefehlt hatten und der Konkurrenz in mancher Disziplin freie Bahn gegeben hatten, jetzt in München ins Schwimmen geraten, damit rechnet Max Jones nicht: „Viele unserer Athleten waren bei den Commonwealth Games sehr erfolgreich. Ich glaube, das ist eine große Motivation für die Europameisterschaften.“

Sechs britische Athleten haben verletzungsbedingt oder weil sie einfach zu müde waren auf ihren Start in München verzichtet. Darunter ist auch der Mann, der die 100 m heute hätte gewinnen können: Mark Lewis-Francis. Der 19-Jährige gilt als das europäische Supertalent im Sprint. Max Jones hat ihn vor kurzem als „die größte Sprinthoffnung, die wir je hatten“ bezeichnet. Und das trotz eines Linford Christie, der 1992 Olympiasieger war und noch immer Europarekordler mit 9,87 Sekunden ist. Doch der Englische Meister Lewis-Francis erlebte in Manchester Schlimmes, als ihn im 100-m-Finale eine Muskelverletzung stoppte, die zugleich das Aus für München bedeutete.

Und auch der zweite britische Weltklasseläufer humpelte in Manchester ins Ziel. Dwain Chambers, der in dieser Saison bereits zweimal den US-Weltrekordler Maurice Greene bezwungen hatte, erlitt jedoch nur einen Krampf. „Er will in München nun etwas nachholen und beweisen, dass er zurecht zur Weltspitze zählt“, sagt Max Jones. Im gestrigen Vorlauf, dem ersten Wettkampf nach Manchester, rannte Chambers noch verhalten. „Aber das war ungewohnt früh am Morgen. Er wollte nichts riskieren und hat keine Probleme“, sagte die Sprecherin des britischen Teams, Emily Lewis.

Auf Chambers und den 100-m-Titelverteidiger Darren Campell, der gerade noch rechtzeitig seine Form findet, bauen die Briten heute im 100-m-Finale. Ihre Hauptgegner sind der Portugiese Francis Obikwelu, der Franzose Aime Nthepe und vielleicht noch der Grieche Georgios Theodoridis, der in den Vorläufen gestern mit einer starken Leistung überraschte.

Vor vier Jahren hatten die Erben Linford Christies Gold und Silber gewonnen. Heute wollen die Briten ihr Sieges-Abonnement im Sprint verlängern. Der letzte 100-m-Sieger vom Kontinent hieß Frank Emmelmann (DDR). Und das war vor 20 Jahren in Athen. Vier Jahre später begann in Stuttgart die Ära Linford Christie. Doch es war nach dem Rücktritt der Sprint-Legende, als die Briten ein Novum schafften. Bei der EM in Budapest 1998 gewannen sie sämtliche Sprints von 100 bis 400 m inklusive der beiden Staffeln und der 110 m Hürden, über die Colin Jackson in München nun schon zum vierten Mal in Folge Europameister werden kann. Auch das wäre ein Novum in der Geschichte dieser Titelkämpfe.

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