Sport : Schneller als der Klabautermann

Erleichtert feiert Formel-1-Weltmeister Vettel am Nürburgring den ersten Heimsieg, Mercedes enttäuscht.

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Neues Hochgefühl. Sebastian Vettel konnte trotz einiger Widrigkeiten zum ersten Mal das Rennen auf dem Nürburgring gewinnen. Foto: Reuters
Neues Hochgefühl. Sebastian Vettel konnte trotz einiger Widrigkeiten zum ersten Mal das Rennen auf dem Nürburgring gewinnen. Foto:...Foto: REUTERS

Mit Flüchen ist es so eine Sache. Ein aufgeklärter junger Mann wie Sebastian Vettel glaubt natürlich nicht an irgendwelches Seemannsgarn, doch als ihm in der 25. Runde plötzlich ein Geisterfahrzeug rückwärts entgegenrollte, wird er sich schon seine Gedanken gemacht haben. Sollte dem dreimaligen Formel-1-Weltmeister der ersehnte erste Heimsieg wieder von höheren Mächten entrissen werden? Nein, diesmal nicht. Am Sonntag überstand Vettel alle Launen des Schicksals und durfte eingerahmt von den Lotus-Piloten Kimi Räikkönen und Romain Grosjean auf dem Podest als erster Deutscher seit Michael Schumacher 2006 in Deutschland die deutsche Nationalhymne hören.

„Endlich hat’s geklappt, ich bin überglücklich“, sagte der Red-Bull-Fahrer. „Es ist ein Privileg, ein Heimrennen zu haben und für mich ist es eine große Erleichterung. Das war ein hartes Rennen, die haben mich wirklich für mein Geld arbeiten lassen.“ Doch die Mehrarbeit lohnte sich, gerade mit Blick auf die WM-Wertung: Vettel führt nun mit 34 Punkten Vorsprung auf den Ferrari-Piloten Fernando Alonso, der diesmal nur Vierter wurde. Kurz vor Saisonhalbzeit deutet damit alles auf den vierten WM-Titel des Deutschen in Folge hin.

Für die meisten anderen Einheimischen lief der Rennsonntag in der sonnengetränkten Eifel nicht so erfreulich wie für Vettel. Mitfavorit Mercedes erlebte die größte Enttäuschung. Lewis Hamilton wurde schon am Start von seiner Spitzenposition verdrängt und am Ende nur Fünfter. Nico Rosberg quälte sich nach seinem verpatzten Qualifying als chancenloser Neunter knapp vor dem Sauber-Fahrer Nico Hülkenberg ins Ziel. „Ein sehr schwieriger Tag heute, das war nicht schön zu fahren“, sagte Rosberg. „Das war so ein ähnliches Gefühl wie die letzten Monate, als wir im Rennen zu langsam waren.“ Er seufzte und sagte dann: „Ich dachte, diese Zeiten hätte ich endlich hinter mir. Höchstwahrscheinlich hat das etwas mit den neuen Reifen zu tun. Die Lotus kommen damit offenbar viel besser zurecht, und wir sind irgendwo im Niemandsland.“ Adrian Sutil blieb im Force India als 13. gänzlich ohne Punkte.

Beinahe aber wäre auch Vettel noch um den Erfolg gebracht worden, eben durch besagtes Geisterauto. In der 25. Runde machte sich der nach einem Motorschaden abgestellte Marussia von Jules Bianchi plötzlich selbstständig und rollte rückwärts die Hatzenbachgerade hinunter. Es sah lustig aus, wie das herrenlose Gefährt quer über die Strecke schlich, doch natürlich war es eine riesengroße Gefahr. Der heranrauschende Vettel konnte glücklicherweise ausweichen, danach aber wurde das Safetycar auf die Piste geschickt und somit das Feld wieder zusammengezogen. Vettel: „Das hat uns nicht geholfen, wir hatten zuvor ein kleines Polster.“ Der größte Gewinner dieser Phase war Vettels Teamkollege Mark Webber, der sich so wieder zurückrunden konnte und am Ende Siebter wurde. Der Australier war zurückgefallen, nachdem sich in der neunten Runde sein rechter Hinterreifen gelöst hatte. Das Geschoss rollte durch die Boxengasse und traf einen Kameramann mit voller Wucht. Die Begegnung mit dem zehn Kilogramm schweren Rad verursachte eine Gehirnerschütterung, eine gebrochene Schulter und gebrochene Rippen. Lebensgefahr bestand nicht. Das Red-Bull-Team wurde von den Rennkommissaren zu einer Geldstrafe von 30 000 Euro verurteilt.

Nachdem Bianchis Wagen wieder eingefangen und das Rennen wieder freigegeben worden war, konnte sich Vettel zwar an der Spitze behaupten, aber nicht absetzen – was auch daran lag, dass die Zusatz-PS des Kers-Systems ihn zwischenzeitlich im Stich ließen. „Wir mussten das System ausstellen“ sagte Vettels Teamchef Christian Horner. „Eine Runde lang fuhr er ohne Kers. Unsere Jungs haben das aber toll analysiert und schnell beheben können.“

Die beiden Lotus-Piloten, die sich nach einem Zwischentief am Nürburgring wieder überraschend stark präsentierten, hetzten Vettel jedoch weiter gnadenlos um die Strecke. „Ich habe jede Runde Gas gegeben, so viel, wie ich konnte, mehr ging nicht“, sagte Vettel.

Beim letzten Boxenstopp brachten ihn die schwarz-goldenen Jäger in eine klassische Taktikzange. Der Franzose Grosjean fuhr schon in der 40. von 60 Runden zum Reifenwechsel, Räikkönen blieb noch draußen und wechselte erst viel später auf die schnelleren weichen Reifen. Vettel kam eine Runde nach Grosjean an die Box, um die Führung zu verteidigen.

Das klappte auch, doch mit seinen frischeren Reifen stürmte dann der finnische Klabautermann Räikkönen heran. „Ich habe ihn gespürt“, sagte Sebastian Vettel. „Ich habe am Ende auch gemerkt, dass die Zuschauer mich tragen wollten. Glücklicherweise hat das Rennen hier nur 60 Runden und nicht 61 oder 62.“ Auch Räikkönen, dem schließlich nur eine Sekunde fehlte, war sich sicher: „Das Rennen hätte ein bisschen länger sein sollen, dann hätte es wohl geklappt.“ Doch Vettel rettete den Vorsprung nach einem mitreißenden Finale ins Ziel und zeigte, dass er unter Druck keineswegs zu Fehlern neigt, wie es ihm mancher Konkurrent gern nachsagt. Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko befand sogar: „Das war eines seiner besten Rennen. Er hat sich von nichts aus der Ruhe bringen lassen.“

Der Triumph über Räikkönen war auch deswegen so süß, weil die beiden Piloten nicht nur befreundet sind, sondern im kommenden Jahr eventuell sogar Teamkollegen bei Red Bull sein könnten. Darauf wiesen auch Vettels Worte hin, wonach „wir mit dem Team darüber gesprochen haben, aber es ist noch keine Entscheidung gefallen“. Er persönlich habe nichts gegen Räikkönen als Teamkollegen, erklärte er: „Sogar wenn wir mal crashen sollten, bin ich mir sicher, dass wir das wie Erwachsene regeln könnten.“

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