Sport : Schneller als die Pferde

Der Große Preis könnte das Ende von Karlshorst einleiten

Heiko Lingk

Berlin. Im Normalfall beträgt die Distanz eines Karlshorster Pferderennens genau zwei Kilometer. Und zumeist bleibt es dabei auf den ersten 1500 Metern sehr ruhig. Wie eine Perlenschnur reihen sich die edlen Vierbeiner auf. Beinahe starr erscheint so eine Formation, bis es auf die Zielgerade geht. Dort allerdings kippt die Situation in Sekundenbruchteilen dramatisch um: Wie wild beginnen die Fahrer zu kämpfen. Das Trommeln der Hufe steigert sich auf der harten Sandpiste kontinuierlich zu einem Crescendo. Bis auf der Ziellinie die Entscheidung fällt. Doch das alles ist nur eine Täuschung. Denn in Wirklichkeit wird über Sieg und Niederlage viel früher entschieden. Die meisten Prüfungen werden in der Startphase gewonnen, beim Sprint um die besten Positionen. Nicht im Zielfinish ist das Tempo der Pferde am höchsten, sondern auf den ersten 300 Metern. Ähnlich wie in der Formel 1 werden die Weichen zu Beginn gestellt. Hinter den ausgeklappten Flügeln des Startautos wird die Nervenstärke der Sulkyfahrer und die Antrittschnelligkeit ihrer Pferde zum wichtigsten Faktor.

Ähnlich schnell müssen zurzeit in Karlshorst Sportler und Funktionäre agieren. Die Lage auf der 109 Jahre alten Rennbahn wirkt nach außen hin ruhig – aber es ist die trügerische Ruhe vor dem Sturm. Selten war Karlshorst in der Existenz stärker bedroht als im Moment. Die Geländeeigentümerin TLG hat eine Kürzung der finanziellen Unterstützung angedroht. Mit rund 400 000 Euro hat die Treuhand-Tochter den Betrieb bisher jährlich unterstützt. Neue Konzepte müssen also her, doch gerade damit tun sich die Funktionäre des Berliner Trabrennvereins extrem schwer. Vor 18 Monaten hatten die Vorstandsbosse sogar ihr Versprechen vom bedingungslosen Erhalt der Bahn über Nacht zurückgezogen. Dieser Wortbruch blieb wie eine Narbe zurück. Der seit langem in der Wuhlheide ansässige schwedische Spitzenprofi Rolf Hafvenström drückt den Frust so aus: „Vielleicht ist es tatsächlich besser, wenn der Trabersport in Berlin wirtschaftlich gegen die Wand gefahren wird. Denn dann können endlich neue und fähigere Leute das Management übernehmen.“

Doch noch ist dieser Tiefpunkt nicht erreicht. Am Donnerstag (13 Uhr 30) versucht der Rennverein mit dem erstmals seit 1989 wieder ausgetragenen Großen Preis von Karlshorst sogar sportlich gegenzuhalten. Mit 16 000 Euro Preisgeld ist dieser Klassiker neben dem Bersarin-Rennen im August das größte Highlight der Saison, zu dem Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet anreisen. Aber weder der Münchner Jochen Holzschuh mit seinem Hengst Top Power noch der Hamburger Hans-Joachim Tipke mit der Stute Bassimah ist klarer Favorit. Es gibt überhaupt keinen Favoriten.

Vielleicht gewinnt am Ende sogar erneut ein Berliner Profi. Thomas Buley hat vor drei Wochen in Mariendorf das erste Berliner Standardrennen 2003 gewonnen. Danach verwandelte Buley mit Eimerladungen frischer Farbe seine Räumlichkeiten im tristen Karlshorster Kompaktstall in ein Kleinod und verkündete strahlend: „Gerade jetzt müssen wir doch allen zeigen, dass wir die Zukunft wollen.“

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