Sport : Schneller als ein Sportwagen

Für das Fernsehen wurde bei der Ski-WM für die Abfahrt eine neue Startrampe freigesprengt

Markus Huber

St. Moritz. Sieben Sekunden – so lange dauert bei der Ski-Weltmeisterschaft die Königsdisziplin, die Abfahrt der Herren. Zwar müssen die Abfahrer dann noch mindestens 1 Minute und 40 Sekunden lang auf der 2,98 Kilometer langen Strecke ins Tal rasen – aber in Wahrheit konzentrieren sich die Zuschauer vor allem auf die ersten sieben Sekunden: 100 Prozent Gefälle, ein Winkel von 45 Grad, eine Beschleunigung von 0 auf 130 km/h in 6,5 Sekunden – das ist schneller als manch ein handelsüblicher Sportwagen. Die Fahrer jedenfalls müssen das aushalten.

Schon bei den ersten Trainingsläufen überschlugen sich die Reporter, wenn sie über diese spektakuläre Startrampe redeten. Diese Rampe trägt sinnigerweise den Namen „Freier Fall“, und wenn heute um 12 Uhr 30 (live in der ARD) das Rennen beginnt, sorgen drei TV-Kameras sowie eine Zwischenzeit- und eine Geschwindigkeitsmessung dafür, dass die Zuschauer jedes Detail verfolgen können. Und Bernhard Russi, der Schweizer Olympiasieger von 1972 in der Abfahrt, wird dann zufrieden lächeln – denn er hat die Strecke gebaut.

Seit 1988 ist der gelernte technische Zeichner Russi „Kurs-Designer und technischer Berater“ des Schweizer Skiverbandes, aber die Strecke in St. Moritz ist eine Glanzleistung. Denn dort, wo die Abfahrer heute starten, fährt normalerweise kein Mensch Ski. Mehrere Tonnen Geröll wurden hoch über St. Moritz erst weggesprengt und dann wieder zusammenplaniert. Um die Piste herzurichten, müssen die Pistengeräte mit einer Seilwinde abgesichert werden, weil sie sonst ins Tal rutschen würden. Zum Start gelangt man nur über 199 Stahlstufen. Normalsterbliche haben zu dieser Plattform keinen Zutritt. Und wenn ein Läufer während des Rennens abgewinkt wird, dann muss er mit dem Helikopter hochgeflogen werden. Anders kann er nicht noch mal starten.

Viel Aufwand für ein paar Fahrsekunden, aber Russi und seine Kollegen wissen, dass man den Fernsehzuschauern einiges bieten muss, um sie vor dem Fernsehapparat zu halten. Und da St. Moritz keine spektakuläre Piste wie Kitzbühel oder Wengen besitzt, muss eben etwas nachgeholfen werden.

Solche Eingriffe sind nicht neu. Schon 1989, bei der WM in Vail, ließ Russi eine Art Bobbahn in den Berg fräsen, damit die Abfahrer ein paar Steilkurven auf der Piste „Rattle Snake“ hatten. Bei Olympia 1992 in Albertville wurde ebenfalls eine Piste in einen bis dahin nicht für den Skisport genutzten Berg gesprengt, in Lillehammer 1994 und in Nagano 1998 wurden mit Bulldozern Sprunghügel zusammengeschoben, damit die TV-Bilder spektakulärer wurden – immer unter Protest der Umweltschützer. Deren Argument: Hinterher würden diese Pisten nicht mehr benötigt, weil auf keiner Strecke jemals wieder ein Weltcup-Rennen gefahren würde. Geradezu absurd war es in Vail: Als dort 1999 wieder eine WM stattfand, fand die Abfahrt nicht auf der „Rattle Snake“ statt, sondern auf einem neuen Kurs.

Es gibt vermutlich viele Zuschauer, die sonst gegen jede Umweltsünde sind, aber nun am Fernseher genau solche spektakulären Bilder fordern. Und den Fahrern sind Eingriffe in die Natur größtenteils egal. Technisch anspruchsvoll zum Beispiel ist die Rampe in St. Moritz nicht. „Das kostet mich keine Überwindung“, sagt Max Rauffer, der beste deutsche Abfahrer, „wir sind das Tempo gewöhnt.“

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