Sport : Schneller, höher, älter

Die deutsche Leichtathletik hat ein Generationen-Problem

Frank Bachner

Ulm. Ingo Schultz plapperte ein paar Floskeln ins Mikrofon des ZDF-Reporters. Was man halt so hinkeucht, wenn man gerade 45,29 Sekunden über 400 m gelaufen ist. Schultz wurde in Ulm Deutscher Leichtathletikmeister, und er war völlig fertig.

Tim Lobinger lieferte nach seinem Sieg mit 5,75 m im Stabhochsprung die übliche Selbstdarstellung. Aber er ist nun mal der einzige deutsche Sechs-Meter-Springer, und er trainiert so hart, dass andere bei diesem Pensum wohl zusammenbrechen würden.

Grit Breuer schlüpfte nach langer Verletzungspause vor zwei Wochen erstmals wieder in ihre Spikes. Trotzdem lief sie mit 52,26 Sekunden nur knapp hinter der 400-m-Siegerin Claudia Marx ins Ziel. Breuer, die Staffel-Weltmeisterin, sagt: „Wenn ich keine 50-er-Zeit laufe, gehe ich im Einzel bei der WM nicht an den Start.“ Im Training zieht sie einen Schlitten mit 120 kg Gewicht hinterher, bis zur Erschöpfung.

Wahrscheinlich ist das Hauptproblem der deutschen Leichtathletik, dass es zu wenige Athleten wie Schultz, Lobinger oder Breuer gibt. Athleten, die an ihre Schmerzgrenzen gehen. Die WM-Normen sind zwar in diesem Jahr besonders hoch, aber das allein ist nicht der Grund dafür, dass derzeit nur 62 deutsche Leichtathleten die A- oder B-Norm für die WM haben und dass bei den deutschen Meisterschaften gerade mal fünf neue Athleten die Norm bewältigt haben.

Das Problem ist nicht, dass die Deutschen nicht in jeder Disziplin Weltklasse-Stars haben. Das Problem ist, dass die jungen Athleten die Alt-Stars nicht herausfordern. Dieter Baumann, 37, siegte mit 60 Metern Vorsprung vor Mario Kröckert, 25. Steffi Nerius, 31, schleuderte bei ihrem Sieg den Speer neun Meter weiter als die Zweitplatzierte Mareike Rittweg, 19. Astrid Kumbernuss, 33, stieß die Kugel drei Meter weiter als Aline Schäffel, 23. „Bei 2000 m habe ich beschleunigt, und plötzlich war ich allein, das hat mich gewundert“, sagte Baumann. Eigentlich galt sein 25-jähriger Trainingspartner Sebastian Hallmann als sein Nachfolger. Aber Hallmann gab nach einem Drittel der Strecke auf.

Also werden in Paris die bekannten Athleten wieder die Medaillen gewinnen, zumindest aber gelten sie als Medaillenfavoriten. Schultz, Lobinger, Kumbernuss, Karsten Kobs, der Hammerwerfer, Lars Riedel, der Deutsche Meister im Diskuswerfen. Von den Jüngeren hat kaum einer eine Chance.

Tim Lobinger wurde zum Buhmann, als er sich beklagte, viele deutsche Athleten seien schlicht „Hosenscheißer“, denen die Wettkampfhärte fehle. Aber so falsch liegt er ja gar nicht. Wenn deutsche Athleten hinterherlaufen oder -springen, dann ist oft genug die Bahn zu weich oder zu hart, das Wetter zu schlecht, Gegenwind bläst, und irgend etwas stimmte mental nicht. Den Ausreden sind keine Grenzen gesetzt.

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