Sport : Schneller reifen

Die Zehnkampf-Talente Knobel und Freimuth haben sich stark entwickelt und starten nun bei der WM

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Hürden als Herausforderung. Der 22-jährige Rico Freimuth, hier bei der WM-Qualifikation in Ratingen, geht jetzt den Zehnkampf viel konzentrierter an als früher. Foto: dpa
Hürden als Herausforderung. Der 22-jährige Rico Freimuth, hier bei der WM-Qualifikation in Ratingen, geht jetzt den Zehnkampf viel...Foto: picture alliance / dpa

Berlin - Er spürte Druck, es stand viel auf dem Spiel. Die Qualifikation für die Leichtathletik-Weltmeisterschaft hing von diesem Versuch ab. Dann lief Rico Freimuth an, den Speer in der Hand, der dritte Versuch, er musste weit fliegen, dieser Speer, es war die neunte Disziplin im Zehnkampf in Ratingen. Der Speer flog 65,04 Meter weit, Rico Freimuth aus Halle an der Saale hatte seine Bestleistung um rund fünf Meter gesteigert. Am Ende lieferte er bei der WM-Qualifikation im Juli mit 8287 Punkten den besten Zehnkampf seines Lebens. „Beim dritten Versuch mit dem Speer“, gestand er danach, „hatte ich pure Angst.“

Freimuth ist 23 Jahre alt, Jan Felix Knobel von der LG Eintracht Frankfurt ist 22, er hat die WM-Qualifikation schon in Götzis erreicht, mit 8288 Punkten, nach neun persönlichen Bestleistungen. Auch Pascal Behrenbruch wird zur WM nach Südkorea fahren, Knobels Teamkollege, aber Behrenbruch ist schon 26, ein Routinier.

Knobel und Freimuth, sie stehen für die Aufbruchstimmung im deutschen Zehnkampf. Zwei Talente, die nach oben drängen. Bei der EM 2010 startete kein deutscher Zehnkämpfer, Resultat großen Verletzungspechs. Noch immer sind deutsche Top-Zehnkämpfer wie Michael Schrader oder André Niklaus entweder noch gehandicapt oder weit weg von ihrer Bestform, in die Lücke stoßen Leute wie Knobel und Freimuth. „Mir ist nicht wichtig, dass sie sich sehr schnell entwickeln“, sagt der neue Zehnkampf-Bundestrainer Rainer Pottel. Er sitzt in einem Büro des Olympiastützpunkts Berlin und sagt: „Wenn’s zu schnell geht, ist die Verletzungsgefahr groß.“ Viel wichtiger für ihn ist die persönliche Entwicklung, denn beide reifen gedanklich zu Zehnkämpfern. „Sie sind sehr wissbegierig.“

Pottel kennt noch andere Zeiten. Als Pottel, neu im Amt, Knobel im Trainingslager in Zypern erstmals sah, da stand ein wehleidiger Athlet vor ihm, der aufgab, wenn ihm etwas nicht passte oder wenn er Schmerzen hatte. Pottel hatte mit ihm dann geredet, „und innerhalb von Wochen war eine Entwicklung zu sehen, wie ich das noch bei keinem anderen Athleten je registriert habe“. Pottel will seine Athleten vor allem technisch entwickeln, und Knobel fiel auf, weil er sich beim Diskuswerfen zu schnell drehte. Pottel zeigte ihm zur Verbesserung eine Imitationsübung. Hochzufrieden registrierte er dann, dass Knobel vor jedem Diskustraining selbstverständlich diese Übung absolvierte. „Andere muss ich daran erinnern“, sagt Pottel. 8300 Punkte traut er Knobel in dieser Saison zu. „Er hat ein sehr gutes Wettkampfgefühl entwickelt.“

Auch Rico Freimuth, Sohn des früheren DDR-Weltklasse-Zehnkämpfers Uwe Freimuth, musste lernen, was einen Zehnkämpfer ausmacht. Er nahm Sport und Studium ziemlich locker, aber jetzt, sagt der leitende Mehrkampf-Bundestrainer Claus Marek, „ist Rico ein absoluter Wettkampf-Typ“. Pottel sagt auch: „Er hört gut zu, er nimmt auch vieles an.“ Bei der WM traut er dem 23-Jährigen noch mehr zu als 8287 Punkte.

Aber junge Athleten wie er benötigen eigentlich erfahrene Zehnkämpfer, die sie führen können, die ihnen im Wettkampf, gerade bei einer WM, auch Tipps geben. Doch Behrenbruch, der Routinier, fällt für diesen Job aus. Behrenbruch, ausgestattet mit urwüchsiger Kraft, benötigt eher selbst ständig Aufmerksamkeit. Kein deutscher Zehnkämpfer ist so unberechenbar wie er. In Götzis sprang er beim Weitsprung bei allen Versuchen unvermittelt mit dem falschen Fuß ab, weil ihm das besser erschien. Er landete bei mageren 6,70 Metern. In Ratingen wiederum verlegte er kurzfristig und zum Schrecken seines Trainers eine Anlaufmarke beim Speerwurf. Dann schleuderte er den Speer 71,40 Meter weit – das war nicht bloß persönliche Bestweite, das war auch Meetingrekord.

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