Sport : Schnelles Passspiel

Von wegen 16 EM-Teilnehmer. Auch Brasilien, die Ukraine und Bosnien sind dabei. Sogar die Engländer haben es noch geschafft. Immer mehr Spieler treten nicht für ihr Geburtsland an, sondern entscheiden sich für ein anderes Nationaltrikot

Auffälliger hätte es Lukas Podolski nicht machen können. Es war sein Nichtjubel gegen Polen, der einen neuen Trend gesetzt hat bei dieser Europameisterschaft. Zwei Tore hatte der für Deutschland stürmende Podolski gegen sein Geburtsland Polen geschossen. Aus Respekt habe er sich nicht zu überschwänglich gefreut, sagte der polnische Rheinländer später. Podolski, der Trendsetter: Ein paar Tage später bejubelte der türkischstämmige Hakan Yakin ein Tor gegen die Türkei nicht so wie die Schweizer Zuschauer. Und am Donnerstag dann hatte der Berliner Niko Kovac fast Mitleid mit den geschlagenen Deutschen und freute sich im Interview eher verhalten über das 2:1 seiner Mannschaft. Man müsse verstehen, dass er den Deutschen alles Gute wünsche, sagte Kovac. „Schließlich bin ich gebürtiger Berliner.“

Tore gegen das Geburtsland, gegen die Heimat der Eltern, das Land der Vorfahren oder auch nur die ehemalige Heimat – es gibt sie bei dieser EM häufiger als je zuvor. 13 von 16 Teams haben Spieler in ihren Reihen, die in einem anderen Land geboren sind, 38 von 386 EM-Spielern sind nicht für ihr Geburtsland im Einsatz. Sieben von bisher 35 Toren haben Spieler für ihr Land erzielt, in dem sie nicht geboren sind. So gesehen ist übrigens selbst England bei der EM im Einsatz, mit dem Londoner Colin-Kazim Richards – in der Türkei als Kazim Kazim bekannt – und dem ebenfalls in England geborenen Italiener Simone Perrotta. Es sind eben nicht mehr nur Länder wie Frankreich oder die Niederlande, die Spieler ihrer ehemaligen Kolonien eingebürgert haben und somit zu internationalen Mannschaften wurden.

Globalisierung wird im Fußball immer sichtbarer. Spieler mit multinationalen Wurzeln können frei entscheiden, für welches Land sie spielen. Der Nationenfußball gleicht sich damit auch dem Klubfußball an, Spieler werden quasi „eingekauft“. Besonders begehrt sind Brasilianer: Sechs sind bei der EM im Einsatz – bei großzügig geschätzt 60 Millionen Fußballspielern im größten südamerikanischen Land ist der Platz in der Auswahl des Rekordweltmeisters eben zu eng. Einer von ihnen ist der „Pole“ Roger Guerreiro, Torschütze beim 1:1 gegen Österreich. Guerreiro ist erst seit 2006 in Polen und wurde zwei Monate vor der EM eingebürgert. Aber auch die „Portugiesen“ Deco und Pepe oder der „Spanier“ Marcos Senna sind gebürtige Brasilianer. Senna gibt sogar zu, dass er in seiner Heimat nie in die Nähe der Auswahl gekommen wäre und daher für Spanien spielt. Ähnlich argumentiert auch Yakin. „Mein Herzenswunsch war es immer, für die Türkei zu spielen. Aber da habe ich nie eine Chance bekommen, deshalb spiele ich für die Schweiz.“ Bei Hamit Altintop war es anders. Der Bayern-Spieler hätte sicher auch in der deutschen Nationalmannschaft einen Platz gefunden, aber er entschied sich für die Türkei – das Heimatland seiner Eltern.

Täuschen lassen sollte man sich von dieser vermeintlichen Integrationsleistung aber nicht. So ist der im schwedischen Malmö geborene Zlatan Ibrahimovic immer wieder der Bosnier im Team: vor allem dann, wenn er nicht treffen sollte. Auch das Schweizer Boulevardblatt „Blick“ spricht von der „Kebab-Connection“ wenn es die drei türkischstämmigen Spieler meint – die allesamt in der Schweiz geboren wurden. Nur Gökhan Inler hat neben der schweizer auch die türkische Staatsbürgerschaft.

Lukas Podolski hat mit seinem demütigen Jubel zwar einen Trend gesetzt, aber nicht alle wollen sich daran halten. Martin Harnik zum Beispiel. Der Bundesligaprofi von Werder Bremen ist in Hamburg geboren, sein Vater stammt aber aus Graz und deshalb spielt er für Österreich. Daran konnte auch der deutsche Nachwuchsnationaltrainer Dieter Eilts nichts ändern, der Harnik in das deutsche U21-Aufgebot bestellen wollte. Doch Harnik lehnte ab und debütierte in der U21-Nationalmannschaft Österreichs. Dabei schoss er gleich ein Tor – gegen Deutschland. Und sollte er am Montag ausgerechnet im letzten Gruppenspiel die Deutschen aus dem Turnier schießen, dann wird er ausführlicher jubeln als Podolski. „Warum sollte ich verhalten reagieren?“, sagt Harnik. „Ich würde mich darüber freuen wie immer, denn ich bin ja den Deutschen nichts schuldig.“ In den Reihen der deutschen Mannschaft gibt es dagegen keine bekannten österreichischen Wurzeln, so dass zumindest eines garantiert ist für die Mannschaft von Joachimj Löw am Montag: unbeschwerter Jubel, egal wie.

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