Sport : Schnellster Mann auf keinen Beinen

OSCAR PISTORIUS hat es mit Prothesen zu Olympia geschafft. Für die einen zeigt der Südafrikaner, dass für Behinderte alles möglich ist. Andere sehen einen unfairen Vorsprung durch Technik.

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Oscar Pistorius kommt in Sportschuhen, in die Haare hat er sich eine Sonnenbrille mit blauen Bügeln geschoben. Erst als er später wieder geht und dabei ein paar Stufen heruntermuss, verraten seine steifen Schritte, dass etwas anders ist. Über dieses Anderssein hat Pistorius davor eine knappe Stunde lang gesprochen, das Anderssein, das ihm so normal vorkommt. Und das ihn doch so einzigartig macht unter den 10 500 Athleten bei diesen Olympischen Spielen in London.

Als erster Athlet auf zwei Beinprothesen wird er bei Olympia starten. An diesem Samstag findet im Stratford Stadium sein Vorlauf über 400 Meter statt. In der Staffel könnte Pistorius am nächsten Freitag sogar eine Medaille gewinnen, so, wie er im vergangenen Jahr auch im Vorlauf zur südafrikanischen 4x400-Meter-Staffel gehörte, die am Ende Silber holte. Pistorius ist ein Grenzläufer geworden, er überwindet Barrieren, er ist der prominenteste Vertreter des Ziels, dass sich auch mit Behinderung alles erreichen lässt. Sogar das, was nur die besten Nichtbehinderten schaffen. Und welche Bühne wäre für die Erfüllung dieses Traums besser geeignet als Olympia mit seinem Anspruch, die ganze Welt zusammenzuführen?

Doch das ist nur eine Seite.

Der Moderator heißt den 25 Jahre alten Südafrikaner schon einmal herzlich willkommen bei Olympia. „Danke, ich freue mich, dass ich hier sein kann“, antwortet Pistorius noch ein bisschen schüchtern. Vor ihm sitzen mehrere hundert Journalisten und Pistorius weiß, dass gleich wieder Fragen kommen werden nach seinen Vorteilen, die er durch seine Karbonprothesen hat. Die Journalisten mögen ihn, an ihm lässt sich eine der größten Geschichten dieser Spiele erzählen. „Blade Runner“ wird er auch genannt. „Ich habe mir den Titel nicht ausgesucht, aber ich kann damit leben.“ Er ist zum Star geworden, und die letzte Frage wird eine Russin stellen. Sie habe gehört, dass Pistorius mit einem russischen Supermodel zusammen sei. Pistorius verneint. Aber es wird genügend Menschen geben, die über seinen Start nicht glücklich sind. Oscar Pistorius bringt nämlich eine unangenehme Frage mit. Die Frage, wie viel Unterschiede der Sport eigentlich verträgt.

Gegen Pistorius persönlich hat niemand etwas. Wie denn auch, der Südafrikaner hat ein breites, offenes Lächeln, er antwortet mit ruhiger, leiser Stimme auf jede Frage. Er kann seine Geschichte einfach und sympathisch erzählen. „Ich bin in Johannesburg geboren ohne Fibulas, das sind Knochen zwischen Knie und Fußgelenk. Als ich elf war wurden mir meine Unterschenkel amputiert. Morgens hat meine Mutter zu meinen Geschwistern gesagt: Zieht eure Schuhe an. Und zu mir: Oscar, zieh deine Prothesen an.“ Er habe eine glückliche Kindheit gehabt.

Zum Laufen brachte ihn eine Verletzung. Zugezogen hatte er sich die 2003 beim Rugbyspielen in der Schule. Er wechselte zur Leichtathletik und wurde der „schnellste Mann auf keinen Beinen“, wie er sich selbst einmal nannte. Die Aufregung begann, als er auf einmal auch einigen Nichtbehinderten davonlief. Pistorius wollte bei den Olympischen Spielen in Peking starten. Der Internationale Leichtathletik-Verband hatte jedoch etwas dagegen. Ein Gutachten des Kölner Biomechanikers Gert-Peter Brüggemann zeigte, dass Pistorius Vorteile hat. Ein Gutachten von Wissenschaftlern des Massachusetts Institute of Technologie zeigte, dass Pistorius im Grunde keine Vorteile hat. Der Internationale Sportgerichtshof Cas entschied, dass Pistorius starten darf. Seitdem ist er frei, zu laufen. Doch für Peking verpasste er die Olympianorm.

Jetzt ist er dabei. Das Recht, mit Nichtbehinderten zu laufen, sprechen ihm immer noch viele ab. Zuletzt der bisher schnellste Athlet in Pistorius’ Disziplin, Weltrekordhalter Michael Johnson aus den USA. Prothesen gäben Athleten einen „unfairen Vorteil“. Und auch aus dem Land, das es mit der Moral immer besonders hat, kommen kritische Stimmen. Der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Clemens Prokop, sagt: „Sportlich kann man ihn nur bewundern, aber sein Start ist mit der Grundphilosophie der Leichtathletik nicht vereinbar. Leichtathletik ist die Summe von Talent und Training.“ Bei Pistorius käme noch Technik dazu. Und der Ehrenpräsident der deutschen Leichtathleten, Helmut Digel, ereifert sich: „Ich darf auch nicht bei den Behinderten mitlaufen.“

Neben Pistorius in London auf dem Podium sitzt Gideon Sam, der Präsident des südafrikanischen Sportverbands. Die Südafrikaner haben ihre Erfahrungen gesammelt mit dem Anderssein. Aus ihrem Land kommt auch Caster Semenya, die Weltmeisterin über 800 Meter, die sich wegen ihres männlichen Aussehens rechtfertigen und einem Geschlechtstest unterziehen musste. Der unsensible Umgang mit ihr kostete einen südafrikanischen Leichtathletik-Präsidenten sein Amt. Gideon Sam gibt den Ton für die Debatte vor: „Wir diskriminieren niemanden aufgrund seiner Hautfarbe, Rasse oder sonst etwas. Wir haben in unserer Satzung verankert, auch Menschen mit Behinderungen zu integrieren. Wir freuen uns sehr, dass Oscar zu uns gehört.“ Wer will sich dem Vorwurf aussetzen, Pistorius zu diskriminieren?

Ein amerikanischer Radioreporter sagt, seine Hörer hätten Vorbehalte gegen Pistorius, nicht weil er einen Vorteil habe, sondern einfach weil er anders sei. Weil es anders ist, auf Prothesen zu laufen. Pistorius lächelt die unangenehme Situation weg. „Wenn ich auf die fünf Prozent negativen Stimmen hören würde, wäre ich nicht hier. Es ist festgestellt worden, dass ich keinen Vorteil habe. Ich benutze dieselben Prothesen wie 2004 und habe nicht vor, das zu ändern. Diese Prothesen gibt es seit 1996.“ Und seit 1996 ist eben niemand auch nur in die Nähe von Pistorius’ Leistung gekommen. Worauf gründet sich also die Angst, in den olympischen Finals würden irgendwann einmal nur noch Läufer auf Prothesen stehen? „Ich möchte nicht laufen, wenn ich einen Vorteil gegenüber anderen habe“, sagt er. „Ich will es mit dem besten Training schaffen. Und ich trainiere sehr hart.“ Seine Bestzeit, aufgestellt im Juli 2011, beträgt 45,07 Sekunden. Michael Johnsons Weltrekord 43,18.

Ralf Otto, Trainer beim Berliner Behindertensportverband, hat sich viel mit Pistorius ausgetauscht. „Wir haben oft geskypt“, berichtet Otto, selbst Biomechaniker, über Videotelefongespräche. „Was für ein Unsinn über Pistorius immer behauptet wird, er würde mit Siebenmeilenstiefeln laufen.“ Es sei doch ganz einfach, die Schritte zu zählen. „Herausgekommen ist, dass Pistorius sechs Schritte mehr macht als die anderen.“

Die 400 Meter sind ein komplexes Rennen, Start, zwei Geraden, zwei Kurven. Pistorius habe Nachteile und Vorteile, sagt Otto. Ein Nachteil beginnt am Start. Er kommt langsamer aus dem Block als die anderen. Sie springen aus dem Startblock, weil ihre Muskeln unter Vorspannung stehen. Pistorius rennt hinter ihnen her, eine Karbonprothese kann man nicht unter Spannung setzen wie einen Muskel. Auf der Geraden scheint Pistorius ein bisschen aufzuholen. In der Kurve dagegen kann er seine Prothese nicht verkanten, nicht anpassen wie der Fuß mit seinen Freiheitsgraden. Es sieht so aus, als komme Pistorius schneller aus der Kurve. „Da müssen die Nichtbehinderten auf eine andere Technik umschalten“, sagt Otto. Und ein Vorteil sei der Energiegewinn der Karbonfeder: „Die Feder gibt den Schwung, den man reingibt, wieder raus.“ Wenn Otto Plus- und Minuspunkte zusammenzählt, kommt er nicht auf über null. Wenn es Sprungfedern beim Hochsprung wären, okay, aber nicht so.

Der Kontakt zu Pistorius sei nur noch selten möglich, erzählt Otto. „Er wirkt distanzierter. Ich glaube, die ganze Diskussion belastet ihn. Zumal er immer dieselben Fragen beantworten muss.“ Kürzlich hat ihn ein Radioreporter der BBC gefragt, was er denn davon halte, dass er „eine Peinlichkeit für die südafrikanischen Verantwortlichen und den Welt-Leichtathletikverband“ sei, weil er sie in unbekannte ethische Gewässer führe. Pistorius sagte: „Das ist eine Beleidigung.“ Und brach das Interview ab.

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