Schnellster Mann der Welt : Usain Bolt: Der Running Gag

Usain Bolt rennt Grenzen ein. Die zwischen Wettkampf und Show. Die zwischen sich und seinen Konkurrenten. Und auch die zwischen sauberem und schmutzigem Sport.

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Erster. Usain Bolt überquert die Ziellinie, diesmal ohne vorher schon vom Gas zu gehen.
Erster. Usain Bolt überquert die Ziellinie, diesmal ohne vorher schon vom Gas zu gehen.Foto: dapd

Weil alles so schnell ging, noch einmal von vorne. Zum Beginn der Vorstellung, als es noch leise Zweifel gab, ob Usain Bolt das weltschnellste Laufen nicht vielleicht doch verlernt haben könnte. Am Start stand Bolt also und fuhr sich durch die Haare. Er wedelte mit Zeigefinger und Mittelfinger, und die letzte Frage am Ende des Abends sollte sich auf diese Sekunden vor dem Start beziehen, was Bolt denn da alles mache und warum. „Ich mache das, worum mich meine Freunde vorher bitten. Das mit den Haaren für einen Freund, der mir die Haare rasiert. Das mit den Hasenohren für einen anderen Freund.“ Es sind Grüße an seine Kumpel, so erzählte es Bolt – und diese letzte Antwort des Abends über eine Nebensächlichkeit zeigte etwas: Dass vieles bei ihm eben doch mehr ist als spontaner und sinnfreier Klamauk.

Die Welt hat Bolt anschließend mit einem neuen olympischen Rekord gegrüßt, 9,63 Sekunden, der zweitschnellsten je gelaufenen Zeit.

Usain Bolts Gold-Lauf in Bildern:

Bolt sprintet allen davon
Weit voraus. Usain Bolt dominiert die Konkurrenz im olympischen Endlauf über 100 Meter fast nach Belieben.Alle Bilder anzeigen
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05.08.2012 23:12Weit voraus. Usain Bolt dominiert die Konkurrenz im olympischen Endlauf über 100 Meter fast nach Belieben.

Kein Weltrekord – macht nichts, völlig unwichtig, der 25 Jahre alte Jamaikaner hat mit seinem Lauf in London weit mehr erreicht als einen neuen Eintrag in eine Liste, die ohnehin nur noch bei Statistiksüchtigen als Rauschmittel wirkt. Bolt rennt Grenzen ein. Die zwischen Sport und Show. Die zwischen sich und seinen Konkurrenten. Und auch die zwischen sauberem und schmutzigem Sport.

Usain Bolt beginnt seinen Auftritt mit einer Show, aber er weiß genau, wann er aufhören muss. Wenn der Starter ins Mikrofon ruft „On your marks“, auf die Plätze. Dann ist Schluss mit Improvisieren, Zeit fürs Kerngeschäft, für die immer gleichen Abläufe, das Bekreuzigen, den Fingerzeig zum Himmel, das andächtige Hineinknien in den Startblock. Und dann für 100 Meter Laufen.

Er weiß auch besser als noch vor vier Jahren in Peking, wann er wieder anfangen darf mit dem Unterhaltungsprogramm. In Peking hatte sich Bolt noch vor der Ziellinie nach seinen Konkurrenten umgesehen, sich beim Überschreiten der Ziellinie prahlerisch auf die Brust geklopft. Sodass ihn selbst der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees Jacques Rogge an den Respekt vor seinen Gegnern erinnern musste.

In London trudelte Usain Bolt nicht überheblich über die Ziellinie. Er zog durch. Justin Gatlin aus den USA, der hinter Bolt und Yohan Blake als Dritter ankam, sagte: „Ist es arrogant, was er macht? Ich glaube nicht.“ Stolz sei er, dass er dabei sein durfte, sagte Gatlin.

Dass Bolt aber mehr bietet als Laufen, dafür bezahlen Menschen viel Geld. Für 1500 Pfund wurden die Eintrittskarten am Ende angeboten. „Die Leute wollen Show sehen, also gebe ich ihnen das“, sagte Bolt, aber am Sonntagabend habe er auch viel zurückbekommen. „Als ich vorgestellt wurde und die Leute gejubelt habe, war ich bereit.“ Da seien auch alle Zweifel im Lärm erdrückt worden, die er noch in sich trug nach seinem Fehlstart im vergangenen Jahr bei der WM.

Zum Kerngeschäft. „Execute“ so nennt Bolt das, was er tut. Er führt aus. Und wie er das in London tat, fasste er so zusammen: „I just ran“. Das ist sein Satz, man darf ihn eigentlich nicht übersetzen, auf Deutsch wird er ein paar Buchstaben länger und damit zu lang für einen, der so schnell im Ziel ist.

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