Sport : Schock über den Wolken

Auf dem Rückflug von Athen nach Düsseldorf erfährt die Reiterin Bettina Hoy, dass sie ihre Goldmedaillen zurückgeben muss

Benedikt Voigt[Athen]

Die schlimme Nachricht erhielt Bettina Hoy auf dem Flug von Athen nach Düsseldorf. Die Vielseitigkeitsreiterin hatte den Flugkapitän gebeten, sie sofort zu informieren, sobald das Urteil des Internationalen Sportgerichtshof CAS bekannt wird, ob sie ihre Goldmedaillen behalten darf oder nicht. Als der Pilot schließlich die schlechte Nachricht weitergab, weinte Bettina Hoy. Der Schützen-Olympiasieger Manfred Kurzer, der neben ihr saß, versuchte sie zu trösten. „Die letzten zwanzig Minuten des Fluges waren schrecklich“, berichtete er.

Auch einen Tag nach dem Urteil des CAS steht die deutsche Olympiamannschaft noch unter dem Schock des Urteils. „Dass Formfehler zu Lasten der Athleten gehen, das macht mich rasend“, sagte der NOK-Vizepräsident Dieter Graf Landsberg-Velen. Das CAS hat ein Urteil der Berufungskommission, das der deutschen Mannschaft die Goldmedaillen zuerkannt hatte, wieder verworfen und das ursprüngliche Urteil der Ground Jury für gültig erklärt. Die Berufungskommission sei nicht zuständig gewesen. „Die Berufungskommission darf nur über Rechtsfragen urteilen und nicht über Tatsachenentscheidungen“, sagte NOK-Vizepräsident Clemens Prokop. Die deutsche Seite ist allerdings der Meinung, es habe sich sehr wohl um eine Rechtsfrage gehandelt. „Zwei sich widersprechende Entscheidungen der Jury sind ein Rechtsfehler und eindeutig ein Fall für das Berufungskomitee“, sagte Graf Landsberg-Velen.

In der Verhandlung vor dem CAS hatte die Berufungskommission ihre Zuständigkeit mangelhaft begründet. Der Vorsitzende Freddy Serpieri hatte wohl aus Zeitnot das wichtige Schriftstück nicht selber angefertigt. Für die deutschen Reiter hat das eine tragische Wirkung.

Bettina Hoy muss sowohl die Goldmedaille mit der Mannschaft als auch im Einzel abgeben. „Das Schlimmste ist, dass ich die anderen reingerissen habe", sagte sie nach ihrer Ankunft. Die 41-Jährige hatte die Startlinie beim Einreiten zweimal überquert. Dabei beging die Ground Jury zwei Fehler: Sie hatte beim ersten Überqueren der Startlinie vergessen, die Uhr mitlaufen zu lassen. Als die Jury den Fehler bemerkte, setzte sie die Anlaufphase noch einmal auf 45 Sekunden zurück. Die Zeitmessung lief erst beim zweiten Überqueren der Linie los. „Frau Hoy erhielt dadurch den Eindruck, dass alles in Ordnung ist", sagte Prokop.

Jetzt aber stimmt nichts mehr bei den deutschen Reitern. „Ich kann nicht akzeptieren, dass man mir die Medaille vom Hals reißt wie einem überführten Dopingsünder“, sagte Hinrich Romeiko. Er plädiert dafür, zwei Goldmedaillen zu verleihen – wie übrigens auch Landsberg-Velen. Das IOC hatte dies vor zwei Jahren bei den Winterspielen in Salt Lake City getan, als es dem kanadischen Eiskunstlaufpaar aufgrund einer abgesprochenen Kampfrichterentscheidung den ersten Platz nachträglich zuerkannte. Gestern sprach das Exekutiv-Komitee des IOC in Athen erstmals über die Entscheidung. „Es gab durchweg Verständnis für die schwierige Situation der deutschen Athleten", sagte der IOC-Vizepräsident Thomas Bach. Gegenwärtig wartet das IOC die offizielle Ergebniskorrektur der Internationalen Reiterlichen Vereinigung ab.

Am Donnerstag hatte Hinrich Romeiko die Öffentlichkeit noch belustigt, indem er die Anekdote jener CD erzählte, mit der sich die deutschen Reiter auf ihre Wettbewerbe vorbereitet hatten. Sie hatten Teile aus dem Soundtrack des Filmes „Das Boot“ gehört. „Angriff, Angriff“, lautet beispielsweise das Motto für den Geländetag. Romeiko fühlt sich nun von dem Film eingeholt. „Am Ende wird das Boot von den Tieffliegern zerstört“, sagte der 41-Jährige. „Ich fühle mich wie Herbert Grönemeyer, der als letzter Überlebender am Kai entlanggeht.“

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