Schock zum Auftakt : Georgischer Rodler stirbt nach Trainingssturz

Der georgische Rodler Nodar Kumaritaschwili stirbt nach einem Unfall – er ist das erste Todesopfer während eines Wettbewerbs bei Winterspielen. Der Eiskanal von Whistler galt schon vorher als gefährlich.

Gregor Derichs
Rodler
Der georgische Rodler Nodar Kumaritaschwili wird nach einem Unfall aus der Bahn geschleudert. -Foto: ddp/AFP

Nach dem Todesfall eines georgischen Rodlers geriet die olympische Familie sechs Stunden vor der Eröffnungsfeier der 21. Olympischen Winterspiele in einen Schockzustand. Nodar Kumaritaschwili kam während des Abschlusstrainings aufgrund eines Fahrfehlers mit seinem Schlitten im Zielbereich bei Tempo 144 ab und prallte mit dem Kopf gegen einen ungeschützten Stahlträger. Das Training wurde nach dem Unglück sofort abgebrochen und die Unterhaltungsmusik an der Strecke abgeschaltet. Rettungskräfte vor Ort begannen umgehend mit Reanimierungsmaßnahmen, die aber erfolglos blieben. Nach Angaben des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) erlag Kumaritaschwili seinen Verletzungen. „Das ist furchtbar“, sagte IOC-Vizepräsident Thomas Bach. Es ist der erste Todesfall in der Geschichte der Winterspiele während eines Wettkampfs. 1992 in Albertville war bei der Demonstrationssportart Geschwindigkeitsskifahren der Schweizer Nicholas Bochatay ums Leben gekommen. Er war bei der Fahrt zum Finale mit einer Pistenraupe kollidiert. 1964 in Innsbruck war der britische Rodler Kazimierz Skrzypezki zwei Wochen vor Beginn der Spiele im Training tödlich verunglückt.

Die Betroffenheit war groß bei den Sportlern und Funktionären nach dem Todesfall des 21-Jährigen. Sogar die Durchführung des Rodel-Einzelwettbewerbs der Männer am Wochenende mit dem deutschen Favoriten Felix Loch wurde in Frage gestellt. Die georgische Teamleitung kündigte an, sich wahrscheinlich von den Spielen zurückzuziehen.

Der an der Bahn befindliche dreimalige Olympiasieger Georg Hackl reagierte noch vor der Todesnachricht als Augenzeuge des Unfalls fassungslos. „Ich bin schockiert. Das ist schwer zu verarbeiten“, sagte der Nachwuchs-Coach sichtlich bewegt. Ein neben Hackl stehender Kameramann beobachtete den Unfall ebenso und schrie laut auf. Danach meinte er bereits, so einen Unfall könne man nicht überleben. Das kanadische Fernsehen zeigte Bilder des fürchterlichen Unfalls, der kurz darauf zudem bereits im Internet zu sehen war.

Im Olympischen Dorf in Whistler wurden aber auch umgehend Stimmen laut, dass ein schwerer Unfall zu erwarten war. Denn die Bahn im Whistler Sliding Centre am Blackcomb Mountain gilt als extrem kompliziert und superschnell. Waghalsige Szenen auf dieser jüngsten der 15 Top-Eisbahnen in der Welt spielten sich häufiger ab. Bereits am Donnerstag war die Rumänin Violeta Stramaturaru im Training gestürzt und für kurze Zeit bewusstlos gewesen. Sie wurde mit Verdacht auf eine Gehirnerschütterung in die Klinik eingeliefert.

„Die Piste ist nicht einfach“, sagte der dreimalige Bob-Olympiasieger André Lange über die Olympia-Bahn nach seiner Ankunft. „Der Schnellste von uns wurde mit Tempo 147 gemessen“, erklärte Sandro Stielicke, der im Skeleton startet. Die Hochgeschwindigkeitsfahrten seien extrem anstrengend, vor allem mental. „Die Belastung in Whistler ist enorm. Es gibt Passagen, wo wir die Augen zumachen und hoffen, dass man gut durchkommt“, erklärte Stielicke kürzlich in einem Interview mit der „FAZ“. In Whistler sind die Kurven vergleichsweise spitz, das Risiko, aus der Bahn herauskatapultiert zu werden, ist sehr hoch. „Irgendwann ist der Körper nicht mehr in der Lage, die Belastungen auszuhalten“, hatte Stielicke gesagt. „Ich hoffe, dass der Weltverband das irgendwann einsieht und eine Grenze sieht. Bisher hat er das nicht getan.“

Raimund Bethge, der deutsche Cheftrainer für Bob und Skeleton, kritisierte die Verantwortlichen für den Wettbewerb und wies darauf hin, dass es mahnende Stimmen gab: „Alle Fachleute, die von Anfang an mit der Bahn zu tun hatten, haben vor der hohen Geschwindigkeit gewarnt.“ Joseph Fendt, der deutsche Präsident des Weltverbandes, hatte ebenfalls auf die extremen Risiken hingewiesen: „Die Bahn ist zu schnell. Wir hatten sie für maximal 137 Stundenkilometer geplant. Aber sie ist fast 20 Stundenkilometer schneller. Wir sehen das als Planungsfehler.“ Für Nodar Kumaritaschwili kommt diese Einsicht zu spät. (mit dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben