Schön und gut jetzt! : Barcelonas brillante Langeweile

70 Prozent Ballbesitz, Tiki-Taka, gähn: Die spanische Liga revoltiert gegen die Übermacht des FC Barcelona – auch unser Autor hat genug von Barças brillanter Langeweile. Und Sie, liebe Leser? Diskutieren Sie mit!

von
Allein in den vergangenen beiden Jahren musste der FC Barcelona unter anderem die Pokale für die spanische Meisterschaft, den spanischen Pokal, den spanischen Supercup, die Champions League, den Uefa Supercup und die Klub-WM in die Höhe recken. Aber schauen Sie selbst...Alle Bilder anzeigen
Alle Foto: dpa
08.09.2011 18:59Allein in den vergangenen beiden Jahren musste der FC Barcelona unter anderem die Pokale für die spanische Meisterschaft, den...

Messi! Xavi! Iniesta! 70 Prozent Ballbesitz! Tiki-Taka! Wenn in der kommenden Woche die Champions League startet, werden alle wieder vom großen Favoriten FC Barcelona schwärmen. Spätestens seit der 3:1-Demonstration gegen Manchester United im vergangenen Endspiel gelten die Katalanen als das Nonplusultra der Taktik, als Triumph des schönen Spiels. In Barças Jugendinternat La Masia scheinen sie tatsächlich die Weltformel des Fußballs entdeckt zu haben. Diese Formel überwältigt jeden Gegner, nimmt ihm die Luft zum Atmen, seziert ihn mit Pässen, so scharf und präzise wie Skalpelle. Es ist ein Ereignis, Barças aktueller Mannschaft zuzusehen – und es geht mir wahnsinnig auf die Nerven.

Fußball war einmal ein Spiel, in dem zwei Mannschaften um den Ball kämpften, in dem es hin- und herging. Wenn der FC Barcelona spielt, geht es nicht hin und her, sondern immer wieder im Kreis, bis sich die Lücke auftut. Das ist technisch erstklassig, taktisch anspruchsvoll und auch effektiv, aber furchtbar einseitig. Barça kombiniert sich bis an den gegnerischen Fünfmeterraum und wieder Dutzende Meter zurück, dann fängt alles von vorne an. Fußball-Ästheten lieben das. Ich bin aber kein Fußball-Ästhet – wie die meisten Fans. Mir gefallen Spieler, die bestimmte Dinge nicht beherrschen, sie aber trotzdem versuchen. Spieler, die scheitern. Mir gefallen Spiele, die Wendungen haben. Am Fußball gefällt mir das Unkontrollierte, Dramatische, das Rohe, das Unberechenbare. Perfektion in Endlosschleife mag beeindruckend sein, das Herz kann man sich aber nicht daran erwärmen. Welcher Klassik-Liebhaber will schon zwanzig Mal hintereinander den Berliner Philharmonikern bei Beethovens 9. Sinfonie zuhören?

Ich empfinde es auch nicht als fußballerischen Fortschritt, wenn sich Barcelona nach endlosen Passstafetten eine Ecke erarbeitet, nur um den Ball dann doch wieder kurz ins Feld zu spielen und weiter zirkulieren zu lassen. Das alles wird gerne als „berauschend“ beschrieben, mich ödet die permanente Brillanz eher an. „Den Ball zu haben, ist die beste Verteidigung“, findet Andrés Iniesta. Früher habe auch ich mich gefreut, wenn Barcelona am Ball war. Welcher geniale Einfall würde als nächstes kommen? Heute stöhne ich innerlich auf, wenn Barça nach minutenlangen Kombinationen den Ball kurz verliert, ihn dann aber sofort wieder erobert: Jetzt geht das schon wieder los. Früher leistete sich der Verein mit Ronaldinho ein schlampiges Genie, das nach einem Ballverlust auch mal stehen blieb oder es mit dem Tricksen übertrieb. So etwas passiert Iniesta nie. Aber Genialität ohne Schlampigkeit ist Strebertum.

Wenn ich sehen will, wie eine Mannschaft den Ball besitzt und beschützt, ohne dass das andere Team herankommt, kann ich auch Handball gucken. Aber da geben die Schiedsrichter irgendwann ein Zeichen, dass der Torabschluss kommen muss, beim Basketball dröhnt nach 24 Sekunden die Wurfuhr. Bei Barça gibt es nur die nächsten acht Minuten Tiki-Taka. Ich wünsche mir sehnlichst, dass ein Trainer, ein Klub, eine Mannschaft eine fußballerische Antwort darauf entwickelt. Ich habe aber keine Ahnung, wie die aussehen könnte. Natürlich kann niemand ernsthaft wollen, dass sich José Mourinhos Fußball-Gewaltphantasien durchsetzen.

Lesen Sie auf Seite 2, wie Barcelona unter Trainer Pep Guardiola beinahe unschlagbar wurde.

Seite 1 von 2
  • Barcelonas brillante Langeweile
  • Seite
Artikel auf einer Seite lesen

41 Kommentare

Neuester Kommentar