Sport : Schön verloren, viel gewonnen

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Von Christoph Daum

Es ist schade, und es ist kurios: Die deutsche Mannschaft hat im Finale ihr bestes Spiel bei dieser WM gemacht – und verloren. Sie hat sich nicht, wie erwartet, hinten reingestellt und auf die Defensive gebaut, sondern das Spiel in die Hand genommen, vielleicht zu entschlossen. Das sah gut aus, kostete aber Kraft und Konzentration. Leider fehlte in manchen Situationen das Glück, das wir in anderen Spielen hatten. Brasilien hatte – Ronaldo. Er ist, nach langen Verletzungspausen, voll da. Er holte für Brasilien den Titel, und wir gratulieren ihm gerne.

Diese Weltmeisterschaft hat uns wunderschöne Momente geschenkt. Die unbefangene Freude über den Erfolg der deutschen Mannschaft, die ansteckende Begeisterung unserer türkischen Freunde über ihren fantastischen dritten Platz – das bleibt fröhlich in unserer Erinnerung. Nach den hässlichen, abstoßenden Szenen am Rande der WM 1998 konnten wir Sympathien zurückgewinnen und neue Freunde finden. Der Dank dafür gebührt dem ganzen Team und natürlich auch den Fans, die den langen Weg nach Japan und Korea auf sich genommen haben.

Wir hatten viel erwartet von Argentinien und Frankreich, von England, Italien, Portugal und Spanien – und waren enttäuscht. Wir konnten oder wollten das mitreißende Spiel der Südkoreaner oder der Japaner nicht richtig einordnen – und blieben zurückhaltend. So entstand wohl der Eindruck, diese WM habe ein schlechtes Niveau. Ich kann das nicht nachvollziehen. Wir haben hochklassige Partien gesehen, spielerisch, taktisch und atmosphärisch. Wer allen Ernstes von einer schlechten Weltmeisterschaft spricht, der verklärt in seinem Gedächtnis die Turniere vergangener Jahre.

Drei Erkenntnisse dieser WM noch am Rande. Erstens: Das Golden Goal sollte wieder abgeschafft werden. Attraktiver ist das Spiel dadurch nicht geworden, die Suche nach dem Sieger nicht sportlicher. Zweitens: Die Fifa sollte bei einer WM nur noch die besten Schiedsrichter nominieren und dem Druck aus den Verbänden widerstehen, möglichst viele zu berücksichtigen. Zudem sollten Schiedsrichter und Assistenten aufeinander eingespielt sein, nicht zusammengewürfelt. Drittens: Wir brauchen keinen elektronischen Oberschiedsrichter. Absolute Gerechtigkeit wird es nie geben, jede Technik hat auch ihre Tücken und Grenzen. Außerdem: Worüber sonst könnte nach dem Spiel noch so herrlich diskutiert und gestritten werden wie über eine umstrittene Schiedsrichterleistung?

Mit der heutigen Kolumne möchte ich mich von Ihnen verabschieden. Es hat mir sehr viel Freude und Spaß gemacht, dieses große Ereignis täglich für Sie beobachten und beschreiben zu können. Manches von dem, was in den vergangenen vier Wochen geschah, wird sich erst in den nächsten Wochen so richtig setzen. Wenn es uns gelingt, die Begeisterung über diese WM, über unsere Mannschaft in unser aller Leben zu übertragen, dann wäre sehr viel mehr gewonnen als ein Weltmeistertitel.

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