Sport : Schön war die Zeit

Helen Ruwald,Benedikt Voigt

Zwischen Haaren und Scheren nimmt das Schicksal seinen Lauf. Bei einem Friseur im Europacenter in Berlin, an einem Samstag im Frühjahr 1991. Franz Josef Schweitzer, Chef der Firma Alba Recycling, kommt frühmorgens zum Haareschneiden. Ein anderer Kunde betritt den Salon und stellt sich ihm als Gerd-Ulrich Schmidt vor, Mannschaftsarzt und Vizepräsident des Basketball-Erstligisten BG Charlottenburg. Das Erstaunliche an dem Mann: Seine Haare sind schon ganz kurz. Schmidt ist in besonderer Mission gekommen. Sein Klub steht vor dem Konkurs. Der Vizepräsident sucht dringend einen Sponsor für die Endspiele um die Deutsche Meisterschaft.

Am Tag zuvor hat er seinem Friseur beim Haareschneiden sein Leid geklagt, "ich habe ihn gebeten, mich anzurufen, wenn ein potenter Kunde kommt". Der Anruf kommt am nächsten Morgen, Schmidt fährt sofort los. Nach einigem Small Talk sagt Schweitzer: "Ich sehe vielleicht ein bisschen doof aus, aber ich merke doch, worauf das hinausläuft. Was wollen Sie?" Schmidt erinnert sich, "dass ich mir die Schweißperlen weggewischt habe und gesagt habe, dass wir dringend 60 000 Mark brauchen".

Franz Josef Schweitzer ist vom Einsatz des Unbekannten so beeindruckt, dass er tatsächlich seine Unterstützung zusagt. Die Mannschaft wird deutscher Vizemeister. Das ist der erste Schritt in eine große Zukunft. Nach mehrjähriger Aufbauzeit wird das Team, das inzwischen Alba Berlin heißt, 1995 sensationell Europapokalsieger im Korac-Cup und 1997 erstmals Deutscher Meister. Die Ära Alba beginnt. Die Basketballer sind in Deutschland nahezu unschlagbar. Sie sind die besten im Land 1997, 1998, 1999, 2000 und auch im Frühjahr 2001. Jetzt, im Dezember 2001, kraucht Alba in der Bundesliga auf dem fünften Tabellenplatz herum. Heute (14.55 Uhr, live im DSF) treten die Berliner bei den Skyliners Frankfurt an, dem Tabellenführer. Erstmals seit Jahren ist Alba nicht der Favorit. Nähert sich eine Ära dem Ende? Strauchelt der Meister oder stürzt er? So wie einst Bayer Leverkusen, das nach sieben deutschen Meisterschaften in Folge von Alba abgelöst wurde.

Doch zurück zu Albas Anfängen. Kurz nach der Begegnung mit Gerd-Ulrich Schmidt im Friseursalon stieg Franz Josef Schweitzer mit seinem Recycling-Unternehmen als Hauptsponsor bei den Basketballern ein. Zeitgleich wurde der Geschäftsmann Dieter Hauert Präsident. Die Visionen konnten wahr werden, die eine Gruppe basketballverückter Männer schon ein Jahr zuvor hatte, mit dem umtriebigen 28-jährigen Manager Marco Baldi an der Spitze:

Berlin sollte ein europäisches Topteam bekommen. Ein reichlich unbescheidener Plan. Im Schnitt hatte die BG Charlottenburg 600 Zuschauer, Basketball war kein Massensport, "es hatte eine akademische Zielgruppe. Zu den Spielen kam Fachpublikum. Populär war der Sport vor allem in Universitätsstädten und Orten, wo viele US-Amerikaner wohnten", erzählt Baldi, der inzwischen Vizepräsident ist. Basketball war in Städten wie Göttingen, Bayreuth oder Gießen erfolgreich. Und in Leverkusen, das 1970 erstmals Deutscher Meister war. Der Klub hatte dank des Konzerns im Rücken die beste Organisation, das mit Abstand meiste Geld und die besten Spieler. Leverkusen war das Überteam der Liga.

Alba begann die Aufholjagd, schloss einen Kooperationsvertrag mit TuS Lichterfelde, das fortan als Nachwuchsschmiede diente, holte Meistertrainer Svetislav Pesic, der Deutschland gerade zum EM-Titel geführt hatte, und Stars wie Henrik Rödl und Sascha Obradovic. Spätestens mit dem Korac-Cup-Sieg 1995, dem ersten internationalen Titel für eine deutsche Vereinsmannschaft, vor 10 000 euphorischen Zuschauern in der Deutschland-Halle wurde Alba zu einer festen Größe in der Stadt.

Zwei Jahre später war die Wachablösung geschafft. Alba gewann die Finalserie 3:1 - gegen Aufsteiger Bonn. Leverkusen war am Bosman-Urteil gescheitert. "Nach der geänderten Ausländerregelung sind uns die Spieler in Europa weggekauft worden wie warme Semmeln. Wir hätten unser Budget vervierfachen müssen, damit die Spieler bei uns das gleiche in Netto verdient hätten wie in Griechenland", sagt Otto Reintjes, damals Bayer-Manager und heute Commissioner, eine Art Manager, der Basketball-Bundesliga. Alba war vom Bosman-Urteil nicht so stark betroffen. Spieler bekamen auch vorher schon Angebote - von Leverkusen. Außerdem spielten bei Alba nicht nur teure Stars, sondern auch viele junge Spieler von TuSLi. Svetislav Pesic band manchen Ausländer ans Team.

Der radikale Umbau warf Leverkusen zurück. Schon im letzen Meisterjahr war das Team satt nach all den deutschen Titeln. Zu einem europäischen Titel reichte es nie. "Das zermürbt", sagt Reintjes. "Es gab kein übergeordnetes Ziel mehr. Man hat gemerkt, dass wir zu lange zusammen waren. Für mich war Basketball nur noch ein Beruf, die Leidenschaft hat gefehlt", sagt Henning Harnisch, der 1996 mit Leverkusen den letzten Titel holte, den Klub verließ und ein Jahr später mit Alba die erste Meisterschaft feierte. "In Berlin war eine Pionierstimmung, das war ganz toll", erinnert er sich. In Leverkusen war Harnisch mit 28 Jahren der zweitjüngste Spieler in einem Team aus lauter Stars, in Berlin "spielten 19-Jährige mit".

Leverkusen brauchte Zeit für den Neuaufbau, Bonn - dreimal Albas Finalgegner - war noch nicht reif für den Titel. Die Konkurrenz war zu schwach, um die Berliner Dominanz zu brechen. Doch die Zeiten haben sich jetzt geändert. Basketball ist kein Sport nur für Akademiker mehr, sondern begeistert ein größeres Publikum. Die Spiele sind ein Event mit Cheerleadern, Musik und Gewinnspielen. Die Liga hat professionelle Strukturen bekommen mit vielen Sponsoren, einem Fernsehvertrag und neuen großen Hallen wie der Köln-Arena.

Der Aufbau eines neuen Klubs ist keine Sache von Visionären mehr wie zu Albas Anfängen. Basketball ist ein lukrativer Markt, in Großstädten werden Topteams aus dem Boden gestampft: 1999 die Skyliners Frankfurt gegründet, dieses Jahr Rhein Energy Cologne. Der Trainer der Kölner heißt Svetislav Pesic, im Team stehen mehrere ehemalige Berliner Spieler. Die Mannschaft spielt schon im ersten Jahr um den Titel mit. Der Pioniergeist, der einst bei Alba herrschte, herrscht jetzt hier. Ein Ende der Serienmeister scheint in Sicht.

Aber nicht nur die erstarkte Konkurrenz macht Alba so zu schaffen, das bereits vier von zehn Bundesligaspielen verloren gingen, doppelt so viele wie in der gesamten vergangenen Saison. Jörg Lütcke, Stefano Garris, Mithat Demirel, Henrik Rödl, Marko Pesic, Derrick Phelps und George Zidek fielen oder fallen seit Saisonbeginn verletzt aus. Nach der Suspendierung von Dejan Koturovic, der seinen Sonderurlaub eigenmächtig verlängert hatte, fehlte Alba mehrere Wochen ein Centerspieler, ehe der Jugoslawe aus Panik über den sportlichen Absturz zurückgeholt wurde.

Vorübergehende Unruhe brachte die umstrittene Reise zum Euroleaguespiel nach Tel Aviv kurz nach den ersten amerikanischen Angriffen in Afghanistan. Albas Vorstand entschied sich für den Flug, einige Spieler waren dagegen. Das Vertrauensverhältnis war kurzzeitig gestört. "Außerdem haben wir letztes Jahr auch Spiele gewonnen, wo wir nicht so gut waren", sagt Nationalspieler Jörg Lütcke. Alba sei keineswegs so überlegen gewesen wie es den Anschein hatte, meint auch Baldi, "und das so eine Saison einmalig ist, war abzusehen". Im letzten Jahr gewann Alba schon mal in letzter Sekunde, jetzt gehen solche Spiele verloren. Das Selbstvertrauen fehlt, in entscheidenden Situationen zittern die Hände.

Durch die sich häufenden Niederlagen verliert die Konkurrenz den Respekt. "Die anderen Teams fürchten uns nicht mehr", sagt Derrick Phelps. Eine Entwicklung, die auch Reintjes beobachtet. "In den ersten zwei, drei Jahren haben die Gegner fast Hochachtung vor dem Team. Dann kommen Mannschaften, die den Meister ernsthaft fordern. Die sagen: Jetzt reicht es. Es ist, als ob vom Manager bis zum Centerspieler ein Ruck durch den ganzen Verein geht." Wendell Alexis fordert deshalb ein Umdenken: "Wir können nicht immer so weiter machen wie in den letzten fünf Jahren. Wie eine Firma in der freien Wirtschaft müssen wir uns neuen Umständen anpassen."

Einen Neuaufbau wie Leverkusen vor dem Machtwechsel muss Alba nicht verkraften. Die Mannschaft spielt in derselben Besetzung wie in der vergangenen Saison, sieben Spieler (Rödl, Pesic, Lütcke, Öztürk, Alexis, Demirel, Papic) waren schon beim ersten Titelgewinn dabei. Ist Alba satt, ähnlich wie damals Bayer? "Einige Spieler haben nach fünf Titeln das Problem, sich noch voll zu motivieren", sagt Trainer Emir Mutapcic. Dass das Ende der Ära Alba bevorsteht, wagt dennoch keiner auszusprechen, noch nicht. "Diese Ära ist auf keinen Fall vorbei. Wir haben unseren Rhythmus noch nicht gefunden", sagt Lütcke und verweist darauf, dass Alba 1998/99 in der Europaliga die ersten sieben Spiele verlor und mit einem Kraftakt doch noch den Abstieg verhinderte. Henning Harnisch spricht seinen ehemaigen Kameraden Mut zu: "Alles wird gut, Alba wird Meister." Davon ist auch Otto Reintjes überzeugt. "Die Mannschaft hat wegen der Verletzungsprobleme noch gar nicht ihren besten Basketball gezeigt. Doch jetzt muss Alba zeigen, ob man eine kritische Situation meistern kann." Entscheidend sind die zwei Wochen bis Weihnachten, in denen Alba noch auf Frankfurt, Bonn und Gießen sowie auf die Topteams Maccabi Tel Aviv und Olympiakos Piräus trifft.

Etwas Selbstbewusstsein für das Spiel heute in Frankfurt hat den Berlinern das 99:87 am Mittwoch in der Euroleague gegen den Tabellenletzten Charleroi gebracht. Doch viel selbsbewusster dürften die Frankfurter sein nach ihrem 80:79-Sieg gegen den bislang unbesiegten europäischen Titelverteidiger Kinder Bologna. Der Frankfurter Nationalspieler Pascal Roller jedenfalls meinte nach dem Erfolg: "Wir haben jetzt diese gesunde Arroganz, die Alba jahrelang ausgezeichnet hat."

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