Sport : Schön, wenn der Schmerz nachlässt

Ein Foul verhinderte Eduardos Einsatz bei der EM 2008. Nun will der Kroate endlich angreifen.

Christoph Erbelding
Das Comeback des Turniers.
Das Comeback des Turniers.Foto: dapd

Eduardo da Silva tat, was er schon so oft getan hatte, und was er konnte wie kaum einer sonst: Blitzartig ließ der Stürmer vom FC Arsenal seine Fußspitze nach vorn schnellen, als Birminghams Martin Taylor sich vor ihm aufbaute, der Ball genau zwischen ihnen. Der bullige Verteidiger kam einen Schritt zu spät gegen diesen flinken Angreifer, schon schien er hoffnungslos überrannt. Doch dann griff Taylor zum letzten Mittel, zum Tritt in die Beine des Enteilenden. Und hätte damit fast Eduardos Karriere beendet.

„Sein Fuß hing nur noch lose vom Bein. In 13 Jahren in diesem Geschäft habe ich keine entsetzlichere Verletzung gesehen“, erinnert sich Grant Best, der als Regisseur des britischen Senders Sky die Szene ganz bewusst nicht wiederholen ließ. Das Schien-, das Wadenbein und der Knöchel waren gebrochen. Schlimmer kann es einen Fußballer kaum erwischen.

Es war Samstag, der 23. Februar 2008. Die wenige Monate später anstehende EM würde Eduardo verpassen, das stand sofort fest. Als eingebürgerter Kroate war der Brasilianer der Hoffnungsträger einer ganzen Nation gewesen, zehn Tore hatte er in der Qualifikation geschossen. Nun schien es ungewiss, ob Eduardo überhaupt jemals zurückkommen würde.

Am vergangenen Sonntag schloss sich für Eduardo endlich der Kreis. Die Kroaten führten bereits mit 3:1 gegen Irland, da wechselte Nationaltrainer Slaven Bilic ihn endlich ein, sein erster Auftritt bei einem großen Turnier. Er spielte zwar nur eine Minute, doch der schreckliche Tritt mit seinen verheerenden Folgen war nun endgültig Geschichte.

Für ihn persönlich jedoch ist sie schon lange passé. Im Internet ist die Szene, die seine Karriere beinah zertrümmert hat, zwar nur ein paar Klicks entfernt. Doch das interessiert ihn überhaupt nicht. „Ich habe mir dieses Video nie angesehen. Ich habe nie wieder etwas darüber gelesen“, sagte Eduardo einmal. „Es ist mein persönlicher Blackout.“

In der Zeit, da er mit mehrfach gebrochenem Bein ans Bett gefesselt war, sah er sich lieber Actionfilme an und aß Popcorn, viel Popcorn. Solange er aus dem Rennen war, wollte er nicht auch noch auf die Süßigkeiten verzichten. Und manchmal betrachtete er seinen Fuß, wie er in seiner Ruheschiene lag. Und er wusste: Irgendwann wird der schon wieder funktionieren. So wie zuvor.

Gut möglich, dass Eduardo seinen Optimismus aus Brasilien mitgebracht hat, er stammt aus Rio de Janeiro. Beim international wenig bekannten Bangu Atlético Clube lernte er das Fußballspielen, jeden Tag von morgens bis abends dribbelte er über die Trainingsplätze. 1999 geriet er ins Visier der Scouts von Dinamo Zagreb, die den 16-Jährigen nach Kroatien holten. Eduardo, aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, war begeistert. Kroatien, Europa, raus aus der Heimat, raus aus der Mittellosigkeit. Eine Perspektive.

Für Zagreb schoss Eduardo bis 2007 in 108 Spielen 73 Tore. Und obwohl er mit 19 auch den Sprung in die Seleção noch im Blick hätte haben können, nahm er 2002 die kroatische Staatsbürgerschaft an. Viele Kroaten hofften, dass ihr neuer Starstürmer das Land niemals wieder verlassen würde. Doch 2007 ging Eduardo für 24 Millionen Euro zum FC Arsenal nach London. Mit dem Niederländer Robin van Persie bildete er fortan eines der besten Stürmerpaare Europas.

Wer weiß, wie es ohne den Beinbruch gelaufen wäre. Fast ein Jahr fiel Eduardo aus. Am 16. Februar 2009 feierte er im FA-Cup-Spiel gegen Cardiff City mit zwei Toren ein starkes Comeback. Doch zwei Wochen später kam die erneute Zwangspause wegen muskulärer Probleme im Oberschenkel. Weil der Konkurrenzkampf in topbesetzten Kadern nun mal auf Dauerpatienten keine Rücksicht nimmt, verlor er seinen Stammplatz nun endgültig und wechselte 2010 zu Shakthar Donetsk in die Ukraine. Auch dort warfen ihn Verletzungen erneut zurück.

Slaven Bilic nahm Eduardo trotzdem mit zur EM. Auch, weil die Quote des Stürmers beeindruckt: Nur der legendäre Davor Suker (45 Tore) steht in der Liste der besten kroatischen Stürmer aller Zeiten vor Eduardo (23). Er hofft, noch weiter an das Idol heranzurücken.

Am besten schon während der EM. Ohne Verletzungen. Und dann mit mehr Spielzeit.

Von jetzt auf gleich lag Eduardos Bein in Trümmern – und seine Karriere auch

Eduardo ist der zweitbeste kroatische Torschütze aller Zeiten – hinter Davor Suker

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