Sport : Schöner wird’s nimmer

Der Puck ist 100 Meter entfernt – trotzdem wollen 71 217 Zuschauer in Buffalo Eishockey im Freien sehen

Sebastian Moll[New York]

Die 71 217 Zuschauer auf den Rängen des Ralph Wilson Stadium konnten kaum die Hand vor Augen sehen, von dem über das Spielfeld schießenden Puck in hundert Meter Entfernung ganz zu schweigen. Dichte graue Wolken waren am Neujahrstag vom Lake Erie her über die alte Stahlhüttenstadt Buffalo gezogen und warfen am frühen Nachmittag einen satten Dauerwirbel weißer Flocken ab. Doch die Eishockeyanhänger ließen sich ihre noch vom Silvesterabend mitgebrachte Laune nicht verderben und feuerten mit donnernden Sprechchören 60 reguläre und 10 Nachspielminuten lang die Buffalo Sabres mit dem Deutschen Jochen Hecht und die Pittsburgh Penguins an, die in der hastig umgebauten Football- Arena zum ersten Freiluftspiel der Profi-Liga NHL seit 2003 aufgelaufen waren. „As good as it gets“ war auf Schildern zu lesen, die Fans gemalt hatten: Schöner wird’s nimmer.

Den Spielern gefiel das Winterspektakel nicht minder gut als den Fans. So fühlte sich Jordan Staal von den Penguins wie viele seiner Kollegen an seine Kindheit erinnert, daran, wie er auf zugefrorenen Flußläufen in Nord-Ontario seine Leidenschaft für dieses Spiel entdeckt hatte: „Ich bin damals mit meinen Brüdern manchmal noch bei minus 40 Grad raus gegangen“, sagte Staal mit roter Nase und glühenden Wangen nach der 1:2-Niederlage seiner Mannschaft. „Das war total verrückt, aber wir haben einfach so sehr das Spiel geliebt. Heute war es wieder das gleiche Gefühl wie damals.“

Der Jungstar der nordamerikanischen Profiliga NHL, Sidney Crosby, der für seine Sabres das Siegtor schoss, stimmte zu: „Wie nach jedem Drittel das Eis vom Schnee freigeschaufelt werden musste, das war wie früher in der kanadischen Jugendliga. Ich freue mich jetzt schon auf nächstes Jahr.“

Genau so hatten sich die NHL-Verantwortlichen die nostalgische Neujahrs-Extravaganz ausgemalt. Die eigentlich ganz normale Saisonpartie zwischen den hart um die letzten Play-off-Plätze kämpfenden Sabres und Penguins sollte an die gute alte Zeit erinnern, als der Sport noch nicht in Arenen mit exakt regulierter Luft- und Eistemperatur ausgetragen wurde und die Spieler noch mit Schnee unter den Kufen sowie angefrorenen Schlägern zu kämpfen hatten. Die sentimentale Reise sollte allerdings nicht nur eine Gaudi für die Spieler und die Leute in der Hockey-verrückten Region entlang der kanadisch-amerikanischen Grenze sein. An einem Tag, an dem die meisten Amerikaner vom Feiern erschöpft vor dem Fernseher sitzen, so die Hoffnung, würde der Eishockey-Sport mit dem Spektakel vielleicht zumindest einen Teil jener Zuschauerschaft zurück gewinnen, die ihm seit der Streiksaison 2004/2005 in Scharen davon läuft.

Nach dem Ausfalljahr war der Preis für die TV-Rechte der Liga dramatisch gefallen. Die NHL wechselte zum Spartensender Versus, der sonst Disziplinen wie Rodeo und Angeln überträgt. Die Entscheidung war fatal: Die Quoten selbst für die großen Spiele sanken dramatisch. Eishockey hat endgültig den Anschluss an die anderen großen amerikanischen Sportarten Baseball, Football und Basketball verloren.

Ob sich das erfolgreiche Event nun in eine dauerhaft wiedergewonnene Eishockey-Begeisterung ummünzen lässt, bleibt abzuwarten: Aber auch wenn die NHL in der Folge der jetzt schon als „Winter Classic“ etikettierten Partie keinen Quotensprung schafft, war das Experiment ein Erfolg: Die Eishockeyfete hat zweifelsohne das Zeug dazu hat, sich als Dauerbrenner im Terminkalender aller amerikanischen Sportfans festzusetzen.

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