Sport : Schon 15jährige kommen mit Agenten

MARKUS HESSELMANN

ROSTOCK .Für Jürgen Heinsch steht fest: "Wir machen uns doch lächerlich, wenn andere uns die Talente wegschnappen, die vor unserer Haustür spielen." Daß einer wie Carsten Jancker den FC Hansa nach der Wende in jungen Jahren verließ, wurmt den 59jährigen "Nachwuchs- und Amateurmanager" der Rostocker noch heute.Doch der Fußball-Bundesligist aus dem ärmsten Bundesland konnte weder mit großen sportlichen Perspektiven noch mit einer beruflichen Absicherung locken.Daran soll sich jetzt etwas ändern: "Wir können Spielern, die wir haben wollen, eine Lehrstelle zu verschaffen." Und die Rundumbetreuung im vereinseigenen Internat.Was bei Hertha im Gespräch ist, hat Hansa, am Freitag Gegner der Berliner, umgesetzt: Seit Oktober sind 16 Nachwuchsspieler direkt am Ostseestadion untergebracht.Fünf Millionen Mark ließ sich der Verein die Anlage kosten.Neben dem Internat und einer neuen Geschäftsstelle entstanden Trainingsplätze nur für die Jugend, eine Mensa und ein neuer Kabinentrakt mit Sauna, Fitneß- und Schulungsraum.Die Zeiten, in denen die örtliche Presse den Rostocker Platzwart zum Kammerjäger ehrenhalber ernannte, sind vorbei.Heinsch: "Jetzt kann man schon mal sagen: Junge, schau dir das doch mal an bei uns."

Der ehemalige DDR-Nationaltorwart weiß aber auch, "daß es nicht damit getan ist, einfach neue Gebäude hinzustellen".Es gelte, Ausbildung und Sichtung zu verbessern.Derzeit baut Heinsch ein System mit Talentspähern auf.Doch die anderen Bundesligisten bieten mit."Wir müssen uns manchmal verbiegen, um einen Spieler, den wir haben wollen, auch wirklich zu bekommen.Schon die jüngsten Spieler wissen um ihren Marktwert und pokern um gute Konditionen - oder sie lassen pokern: "Bei uns tauchen 15jährige mit namhaften Spielervermittlern auf." Die Umworbenen werden immer jünger."Nach der Wende verpflichteten Bundesliga-Vereine Spieler vielleicht von der B-Jugend an, so mit 15, 16.Jetzt holen sie schon 13-, 14jährige.Da müssen wir mithalten.Sonst sind die jungen Talente aus der Region ganz schnell woanders."

Mit dem vielstrapazierten Begriff "Region" meint Heinsch nicht mehr nur Mecklenburg-Vorpommern, sondern den ganzen Osten."Früher haben wir sporadisch mal einen aus Schwerin oder Greifswald geholt", sagt Heinsch.Auch zu Zeiten der Kinder- und Jugendsportschulen (KJS), in denen aktuelle Hansa-Spieler von Hilmar Weilandt bis Uwe Ehlers groß wurden, sei man ja auf Rostock und die angrenzenden Bezirke beschränkt gewesen."Nach Dresden oder Jena durften wir gar nicht schauen." Im Gegenteil: Spieler wie Thomas Doll wurden von der Küste zu anderen Klubs delegiert.Aber: "Ansonsten hat das KJS-System gut funktioniert.Man kehrt mit den sportgeförderten Schulen ja nun auch in der Bundesrepublik dahin zurück.Nur wird das jetzt als Erfindung des DFB verkauft."

Heute wildert Hansa auch vor Herthas Haustür: Heinsch ist stolz, sich mit dem U-18-Nationalspieler André Moheit aus dem brandenburgischen Perleberg ein Talent gesichert zu haben, an dem sogar die Bayern dran waren.Moheit lernt jetzt bei der Volksbank in Rostock.U-16-Nationalspieler Sebastian Mahnke, der aus Frankfurt (Oder) an die Küste kam, erhielt einen Ausbildungsplatz im Bekleidungsgeschäft des Rostocker Spielers Heiko März.Beide wohnen im Internat.Ob beim gemeinsamen Nudelessen oder Kartenspielen: Durch die Glasfront ihrer Wohnküche haben sie und ihre 14 Mitbewohner stets das Ziel ihrer Bemühungen vor Augen.Die Flutlicht-Masten der Rostocker Arena ragen kaum hundert Meter Luftlinie entfernt in den Himmel.

Doch die Aufnahme ins Hansa-Internat ist natürlich noch kein Garant für eine große Fußballer-Karriere.Zu sehr haben sich durch das Bosman-Urteil die Bedingungen für den deutschen Nachwuchs erschwert."Es werden zuviele mittelmäßige Ausländer geholt." Internatsleiter Gerd Ehlers, Vater von Hansas Mittelfeldspieler Uwe Ehlers, stimmt die altbekannte Klage an.Heinsch pflichtet ihm bei: "Heute hat doch kaum ein Erstliga-Trainer mehr die Geduld, einen 18jährigen aus dem Nachwuchs behutsam in die Mannschaft zu integrieren.Das größte deutsche Talent, Lars Ricken, brauchte in Dortmund drei Jahre, um sich durchzusetzen.Wer hat solange Zeit? Trainer in Vereinen wie Rostock oder Duisburg bestimmt nicht.Also werden Mazedonier und Kroaten geholt."

Der 19jährige Christian Henning, der im Internat wohnt und bei Hansas Amateuren kickt, wirkt wenig zuversichtlich, wenn man ihn auf seine Chancen anspricht, einmal Profi bei Hansa zu werden."Der letzte, der den Sprung geschafft hat, war Uwe Ehlers." Und das war noch in der Zweiten Liga - unter Trainer Jürgen Heinsch.Ehlers war damals 19 Jahre alt und schaffte unter Heinschs Nachfolger Frank Pagelsdorf schließlich auch den Durchbruch in Liga eins.Vom Bosman-Urteil läßt er sich nicht beirren: "Hansa hat gute Nachwuchs-Spieler, die es auch in der neuen Situation schaffen können.Als junger Spieler braucht man aber auch einen Trainer, der auf die Jugend setzt."

Für Christian Henning ist Uwe Ehlers das Vorbild.Doch erst einmal ist im Sommer Schluß für Henning im Internat.Hoffnungen auf einen Profi-Vertrag hat ihm bislang niemand gemacht.

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