Sport : "Schon wieder der Sparwasser"

KARSTEN KRÜGER

JÜRGEN SPARWASSER (51), geboren in Halberstadt, hat in seiner Fußballkarriere viele Tore erzielt. Aber nur über das oben abgebildete wird immer noch voller Leidenschaft diskutiert. Vor genau 25 Jahren, am 22. Juni 1974, schoß der ehemalige Magdeburger (Bildmitte) bei der Fußball-Weltmeisterschaft den entscheidenden Treffer zum 1:0-Sieg der DDR im Hamburger Volksparkstadion gegen den späteren Weltmeister Deutschland. Der Torschütze von damals, der in seinen insgesamt 53 Ländespielen für die DDR 15 Tore erzielt hat, erinnert sich im Gespräch mit Karsten Krüger.

Nervt es Sie eigentlich, daß Ihre Fußballkarriere oft auf dieses eine Tor im Hamburger Volksparkstadion reduziert wird?

Daß alle meistens nur über das eine Tor sprechen, stört mich nicht sonderlich. Allerdings erläutere ich fragenden Journalisten immer meine weiteren nationalen und internationalen Erfolge. Ich habe 144mal für den 1. FC Magdeburg und die DDR-Elf getroffen, Olympia-Bronze geholt und den Europapokal gewonnen, in 44 Europapokal-Spielen 20 Tore erzielt.

DDR-Sportpolitiker meinten, Ihr Tor habe mehr bewirkt als hundert Olympiasiege.

Sportgeschichte hat es schon geschrieben - vergleichbar mit dem Golden Goal von Oliver Bierhoff im Jahr 1996. Man wird nahezu unsterblich. Wenn auf meinem Grabstein steht "Hamburg, Volksparkstadion, 22. Juni 1974", weiß jeder, wer in der Kiste liegt.

Was passierte genau in der 77. Minute?

Ich spurtete in den Strafraum, vielleicht 50, 60 Meter, um einen langen Paß von Hamann zu erreichen. Ich wollte ihn mit der Brust annehmen, habe aber zu spät reagiert und mußte den Ball mit dem Gesicht stoppen. Berti Vogts und Horst-Dieter Höttges attackierten mich, aber ich kam dennoch in gute Schußpostion, behielt die Ruhe und täuschte einen Torschuß an. Sepp Maier fiel darauf rein und hatte dann keine Chance.

Wie hat Sepp Maier nach dem Spiel reagiert?

Das weiß ich nicht mehr. Wenn ich den Sepp jetzt treffe, dann flachst er immer leicht säuerlich: "Schon wieder der Sparwasser." Ich habe dreimal gegen ihn gespielt und jedesmal hat er ein Tor von mir kassiert.

Erich Honecker war sicherlich überglücklich über Ihr Tor. Hat er gratuliert?

Nicht persönlich. Nach der WM gab es lediglich einen Empfang mit unseren Frauen und eine Prämie von 2500 West-Mark für das Erreichen der zweiten Finalrunde und nicht für den Sieg gegen die bundesdeutsche Mannschaft.

Dabei haben Sie doch für einen großen Propagandaerfolg für die SED-Regierung gesorgt.

Die politische Brisanz wurde oft überbewertet, vor allem von den Medien. Wir waren auch so hochmotiviert. Vor allem als wir in der Presse die Überschrift lasen: "Warum wir heute gewinnen". Und ich wurde als "Hölzerner" mit Georg Schwarzenbeck, "dem absoluten Techniker", verglichen. Alle haben erwartet, daß wir eine Schlappe bekommen. Wir hatten aber keinen Bammel und wußten, daß wir körperlich und taktisch überlegen sind.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren ehemaligen Mitspielern Jürgen Croy, Lothar Kurbjuweit oder Hansi Kreische?

Ja, wir machen regelmäßig Traditionsspiele mit dem All-Star-Team-Ost, vor allem in den neuen Bundesländern. Sechs bis zehn Spiele pro Jahr. Das 74er-Spiel wiederholen wir in Chemnitz. Aber danach will ich das Kapitel abschließen. Wenn man Rainer Bonhof laufen sieht oder Gerd Müller mit seinen künstlichen Hüften - das ist kein ansehnlicher Fußball mehr. Und auch ich war schon wesentlich beweglicher. Irgendwann muß man Feierabend machen.

Fünf Jahre nach der WM in Deutschland haben Sie Ihre Karriere notgedrungen beenden. Vom Fußball konnten Sie aber nicht lassen . . .

Stimmt. Nach meiner Flucht in den Westen im Jahre 1988 war ich eine Zeitlang Trainer bei Eintracht Frankfurt und Darmstadt 98. Aktiv habe ich jetzt nur noch selten mit Fußball zu tun. Mittlerweile kümmere ich mich als VdV-Präsident um die Interessen der Profi-Fußballer.

Erst Fußballer, dann Trainer und jetzt Fußball-Funktionär. Ist der Seitenwechsel endgültig?

Ich hatte Trainer-Angebote aus Österreich und der Schweiz, habe sie aber abgelehnt. Zudem war ich nicht der Süchtige, der sich irgendwo auf die Tribüne gesetzt hat, wo der Stuhl eines Kollegen gekippt ist. Momentan ist das Trainerdasein kein Thema, aber man soll niemals nie sagen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar