Sport : Schreckliche Glückseligkeit

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Von Hartmut Scherzer

Mont Ventoux. Das schmutzige Weiß der Bergkuppe ist ekelerregend. Wie von Hand des Teufels geformt, ragt sie aus der flachen Landschaft der Provence in die heiße, flimmernde Luft, fast 2000 Meter hoch. Aber es ist nicht Schnee, was sich da vom dunstigen Blau des Horizonts abhebt, sondern kahles, gebleichtes vulkanisches Gestein. Es ist der Gipfel des Mont Ventoux. Ein hässliches, Geröll übersätes Ungetüm. Das ist die beste Kulisse für die härtesten Radprofis. Für Lance Armstrong, und für Richard Virenque. Der Amerikaner hielt in der steilen Steinwüste gestern die Konkurrenz in Schach. Der Franzose, der zuletzt nur durch Negativmeldungen aufgefallen und wegen Dopings gesperrt gewesen war, gewann die Provence-Etappe zur Freude seiner Landsleute.

Armstrong nahm die Herausforderung seines letzten verbliebenen Konkurrenten Joseba Beloki an. Als der Spanier in den Serpentinen des Mont Ventoux antrat und sich vom großen Favoriten absetzen wollte, konterte Armstrong sofort. Doch der große Tour-Favorit gab sich nicht damit zufrieden, Beloki sofort wieder einzuholen. Armstrong überholte den frechen Herausforderer und hängte ihn seinerseit ab. Der Spanier konnte nicht mehr mithalten, die Tour de France scheint entschieden. Besonders für die Sprinter ist die Auffahrt auf den Mont Ventoux hart. Erik Zabel konnte schon auf dem Weg zum Riesen der Provence keine Punkte im Kampf um das Grüne Trikot gegen den Australier Robbie McEwen sammeln. Eine Ausreißergruppe hatte alle Sprintwertungen unter sich ausgemacht. Nun galt es für den Kapitän des Teams Telekom, nur noch in Würde auf dem Gipfel anzukommen.

Jenem kahlen Gipfel, der sich viele Kilometer vor der Auffahrt wie eine böse, albtraumartige Vision vor Augen stellt. Die Radfahrer merken es nicht gleich. Pinienwälder, deren Bäume immer kümmerlicher werden, verdecken die ersten Serpentinen. Dann aber tritt der Berg mit seiner grausamen Kahlheit aus der Kulisse heraus. So dramatisch hat der Schriftsteller und Sportjournalist Hans Blickensdörfer den gespenstischen Monolithen an dem Tag beschrieben, als Tom Simpson starb. Am 13. Juli vor 35 Jahren. Drei Kilometer vor dem Ziel, bei 42 Grad, war der Brite, Weltmeister 1965, plötzlich Zickzackkurven gefahren, vom Rad gefallen, hatte sich taumelnd noch einmal erhoben, wollte wieder aufsteigen, brach aber zusammen. Tour-Arzt Dr. Dumas versuchte am Straßenrand mit Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzmassagen, den Bewusstlosen zu retten. Am Abend verkündete im Pressesaal in Carpentras Felix Levitan, zweiter Direktor der Tour, offiziell das Unfassbare: „Tom Simpson ist um 17.40 Uhr gestorben.“ Doch nicht der Berg und die Gluthitze haben den Radprofi getötet. Untersuchungen ergaben, dass Simpson mit seinem Leben für den Missbrauch von Stimulanzien bezahlte.

Zwei Tage nach seinem 35. Todestag führte die Strecke der Tour de France wieder auf den Mont Ventoux, vorbei an dem grabsteinähnlichen Denkmal zwei Kilometer unterhalb des 1882 errichteten Observatoriums. „Le Ventoux sans pitie“, sagen die Bewohner der Provence. „Der Ventoux kennt kein Erbarmen.“ Auch nicht vor dem großen Eddy Merckx, der 1970 nach seinem Sieg auf dem Gipfel zusammenbrach. „Der Ventoux ist mehr Mond als Berg und der schwerste Anstieg dieser Tour“, sagt Lance Armstrong, der zuletzt vor zwei Jahren, als es auf dem „Berg des Windes“ richtig stürmte, großzügig Marco Pantani den Sieg überlassen hatte.

Der „Geant de Provence“, wie die Leute in der Region Vaucluse den Berg ehrfurchtsvoll nennen, hat nicht den romantischen Mythos des Tourmalet oder des Galibier. Der Mont Ventoux ist das Bild des Schreckens für die Radprofis. Nicht für Richard Virenque. Für den Franzosen wurde der Ventoux gestern zum Gipfel der Glückseligkeit.

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