Sport : Schreie im Hafenbecken

Zwischen den Betreuern im Begleitboot und den Langstreckenschwimmern fallen harte Worte, doch das muss sein: um Qualen zu überwinden und den Gegner zu bekämpfen

Frank Bachner

Barcelona. Vielleicht kann man noch schriller kreischen als die jungen russischen Fans, die sich gegen die Reling lehnten. Aber viel Spielraum nach oben gibt es nicht mehr. Der Lärm, den sie auf einem Boot in der Hafeneinfahrt von Barcelona produzierten, war jedenfalls für alle, die daneben standen, nervtötend. Andererseits ging er völlig unter in dem Spektakel, das gestern im Zielbereich des 25-Kilometer-Schwimmens bei der WM in Barcelona herrschte. Auf einer Linie spurteten sieben Schwimmer ins Ziel, eine Handbreite entschied letztlich über Gold, Silber und Bronze. Am Ende setzte sich der Russe Juri Kudinow mit vier Hundertstelsekunden Vorsprung vor David Meca (Spanien) durch. Dritter wurde, zwei Hundertstel hinter Meca, Petar Stoichev aus Bulgarien. Christof Wandratsch aus Burghausen schwamm nur 8,9 Sekunden hinter dem Russen auf Rang sechs. Bei den Frauen ging es ähnlich knapp zu. Dort gewann die Niederländerin Edith van Dijk vor Britta Kamrau aus Rostock und Angela Maurer aus Würzburg.

„25-Kilometer-Rennen sind längst zu einer hochdramatischen Angelegenheit geworden, hier wird taktiert, geschrien und geschlagen“, sagt Christian Hansmann, der am Ende Neunter wurde. „Die Betreuer arbeiten fast noch mehr als wir“.

Bei Kilometer 17 der Frauen sah es zum Beispiel so aus, als würde Augusto Corestein aus dem Begleitboot ins Wasser fallen. Er stand zwar breitbeinig im Boot, aber das war nur ein kleines Schlauchboot. Die Wellen im Hafenbereich von Barcelona waren klein, aber peitschend, und der Argentinier fuchtelte mit seinen Armen. Seine Freundin musste schneller werden. Britta Kamrau hatte bei Kilometer 17 ein paar Meter Rückstand auf van Dijk, und wenn die Rostockerin nicht aufpassen würde, wäre die Favoritin uneinholbar weg. Kamrau reagierte, ihr Freund und Coach Corestein im Begleitboot war zufrieden und setzte sich wieder. Wahrscheinlich hatte er ihr auch noch ein paar böse Worte zugerufen, das ist so üblich beim Langstreckenschwimmen. „Man braucht da wirklich jemanden, der einen zusammenbrüllt“, sagte Hansmann, „man hat Höllenqualen, und der Trainer muss helfen, dass man den inneren Schweinehund überwindet.“ Christian Hein, der Vizeweltmeister über fünf und zehn Kilometer, sagt: „Bei den Frauen ist der Streit zwischen Begleiter und Athlet beim Rennen noch schlimmer.“

Manchmal aber schreien die Begleiter, und keiner im Wasser reagiert. Die Stars bei den Männern etwa haben bei Kilometer zwölf einen schweren Fehler gemacht. Sie ließen den Franzosen Stephane Gomez ziehen. 100 Meter Vorsprung, das darf eigentlich nicht sein. Denn Gomez galt als Mitfavorit, so einer wird normalerweise beobachtet von den Konkurrenten. Es ist ein bisschen wie bei einer Tour-de-France-Etappe. Gefährliche Ausreißer werden wie auf Kommando gejagt. Hein erklärt: „Man spricht sich vorher ab, nicht bloß mit dem eigenen Teamkollegen. Es ist klar, wen man nicht ziehen lässt. Dann übernimmt einer die Verfolgungsjagd und zieht die Meute mit.“ Aber Gomez haben sie übersehen. „Wir haben alle gepennt“, sagte Wandratsch.

Die Meute wurde sich diesmal nicht einig. Keiner wollte die Verfolgung aufnehmen. Also erbarmte sich zum Schluss doch noch Wandratsch. „Aber das hat irrsinnig viel Kraft gekostet.“ Der Erfolg war, dass er bei Kilometer 20 einen riesigen Rückstand zur Spitze hatte. Gomez wurde eingeholt, aber dafür hatten sich nun der Russe Kudinow und der Spanier David Meca abgesetzt. Wandratsch musste sich wieder herankämpfen, aber im Endspurt hatte er keine Chance mehr. Die Konkurrenten waren sehr starke Sprinter.

Wenigstens kreuzte bei Wandratschs Aufholjagd kein Begleitboot vor seiner Nase. Im Pulk können die Schlauchboote zum Problem werden. Bei einem Weltcup in Argentinien hat mal ein Begleitboot einem Argentinier die Badehose zerrissen, als es ihn mit dem rauen Bootskörper streifte.

Bei den Frauen gab es diesmal eine Rangelei ganz anderer Art. Zehn Frauen bildeten eine Gruppe, Kamrau und Maurer waren immer dabei. Doch die beiden Deutschen behinderten sich im Schlussspurt, sie holten dann Silber und Bronze. „Wir haben uns gegenseitig gebremst“, erzählte Maurer später. „Ich bin nicht sauer, aber ich bin enttäuscht, denn durch unsere Dummheit haben wir vielleicht die Goldmedaille verschenkt.“ Behinderungen im Wasser sind durchaus üblich. Bei den Wendebojen, wo es um die beste Position geht, „ist es normal, dass man den anderen am Bein zieht“, erzählt Hein.

Früher galt ein Radius von drei Metern um jeden Schwimmer als Tabuzone. Niemand durfte in diesen Raum geraten, denn wer direkt hinter einem anderen schwimmt, hat einen Vorteil: Man muss nicht mehr den Kopf zu Orientierung heben. Aber das Verbot war nicht durchzuhalten, wie in Barcelona gut zu sehen war: Als die Frauen durch das Wasser pflügten, sahen sie aus wie ein Delphinschwarm, der von Begleitbooten gejagt wird.

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