Sport : Schreie statt Etikette

Nirgendwo ist das Tennis-Publikum so laut wie in Paris – nicht alle erfreut das so wie Nicolas Kiefer

Christian Tretbar[Paris]

Unter 14 000 Menschen hat er eigentlich kaum eine Chance, sich akustisch bemerkbar zu machen. Trotzdem gibt ein deutscher Tennisfan alles im Stadion Philippe Chatrier, dem Court Central von Roland Garros. Der Zuschauer im blauen Hemd ist längst von seinem Sitz in der ersten Reihe des zweiten Ranges aufgesprungen. Hinter der brusthohen Glasfassade reckt er die Faust in den Pariser Himmel, schreit „Kiefer“. Aber 14 000 andere Kehlen grölen lauter als er. Sie wollen ihren Landsmann Arnaud Clement siegen sehen. Der ist zwar in Frankreich lange nicht so beliebt wie es etwa Yannick Noah war, aber angefeuert wird er trotzdem.

Die Atmosphäre ist aufgeheizt. Beim Tennis. Normalerweise ein Sport im Ruheraum. In Paris bei den French Open ist das anders. Nicolas Kiefer konnte die Stimmung hautnah spüren bei seinem fast vier Stunden langen Fünfsatzmatch gegen Clement. Der Hannoveraner gewann es schließlich 4:6, 6:2, 6:2, 4:6, 6:4 – auch gegen die Kulisse. „Diese Atmosphäre hat mich richtig motiviert“, sagt Kiefer. Er selbst tat alles dafür, um das Publikum zu reizen. Bei jedem dritten Ball musste Stuhlschiedsrichter Stefan Fransson persönlich nachschauen. Die Blumendekoration an der Seite des Platzes beschädigte Kiefer im Frust. Und als er vor Wut auch noch seinen Schläger ins Netz gefeuert hatte, war die Geduld des Publikums am Ende. Jede seiner Aktionen wurde mit Pfiffen bedacht. Dann brauste Applaus auf, wenn er einen Punkt abgeben musste. Als Kiefer zum Matchgewinn servieren wollte, musste er seinen Aufschlag noch mal abbrechen. Das Publikum war nicht zu bändigen. „Das war extrem schwierig, und natürlich wird man da nervös“, gestand Kiefer.

Aber nicht alle Profis gehen so locker mit der Atmosphäre in Roland Garros um wie Kiefer. So etwa die US-Amerikanerin Serena Williams. Tränen kullerten ihr nach der Halbfinal-Niederlage im Jahr 2003 gegen die Belgierin Justin Henin-Hardenne über das Gesicht. „Die waren alle gegen mich“, beklagte sich Serena Williams. „Das macht das Spiel viel schwieriger.“ Ihre Mutter Oracene stand ihr damals bei: „Die Etikette des Spiels wurde total ignoriert.“

Aber darum geht es in Paris nicht. Es geht um Emotionen und Begeisterung, nicht um Stil und Etikette. Von Daviscup-Atmosphäre sprechen viele. Aber die Stimmung braust nicht nur auf, wenn die einheimischen Helden antreten, sondern sobald ein Spiel spannend ist, ein Duell Favorit gegen Außenseiter ansteht. Selbst Steffi Graf schwärmt heute noch von den French Open. „Für mich war es nicht nur ein besonderes Turnier, weil es nicht weit weg von Zuhause war, sondern auch, weil die Stimmung und die Atmosphäre hier einfach einmalig sind“, sagte sie einmal.

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