Sport : Schreien und lachen

Argentinien feiert nach 52 Jahren zwei Olympiasiege

Martin E. Hiller

Berlin - Das schönste Geschenk erhielt Carlos Tevez zu Hause – das heißt, im Stadion seiner Boca Juniors. Der Stürmer, der Argentinien mit acht Toren fast allein zum olympischen Gold geschossen hatte, bekam für seine Leistungen eine Plakette. Doch nicht die Plakette, sondern derjenige, der sie ihm mit einem Kuss überreichte, verursachte eine Gänsehaut bei Tevez. Am Sonntag hatte das Fußballidol Diego Maradona entgegen der richterlichen Anordnung zum ersten Mal seit dem 9. Mai die psychiatrische Klinik Del Parque, in der er seine Drogensucht kurieren soll, verlassen – nur um seinen Nachfolger im Stadion zu ehren.

Die unerwartete Geste war dem sportlichen Triumph, den Argentinien am Samstag hatte erleben dürfen, durchaus angemessen. Erst hatten die Fußballer, dann die Basketballer das Turnier in Athen gewonnen. Außerdem schob sich Argentinien im Medaillenspiegel noch auf Platz 38 vor – genau einen Rang vor dem ungeliebten Nachbarn Chile. „Argentinien, ein goldener Tag“, titelte die Zeitung „Clarin“. Er bedeutet viel für das seit Jahren von Krisen geschüttelte Land.

Allein der Sieg im Fußball war in so vielerlei Hinsicht bedeutend: Die Nationalmannschaft errang den ersten Olympiasieg für Argentinien seit 52 Jahren und holte sich gleichzeitig den Titel, der in ihrer Sammlung noch gefehlt hatte – ohne in sechs Spielen auch nur ein einziges Gegentor zu kassieren. Im Finale erzielte Tevez das entscheidende 1:0 gegen Paraguay.

Das Glück der Argentinier zeigte sich am Sonntagmorgen am Flughafen von Buenos Aires, wo tausende fröhlich feiernde Fans den Spielern einen ohrenbetäubenden Empfang bereiteten. Noch am Freitag hatten hunderttausend Menschen in der Hauptstadt gegen die überhand nehmende Kriminalität in Argentinien demonstriert. Diese Sorgen waren zunächst vergessen, zumal auch die Basketballer vollkommen unerwartet Anlass zur Freude gaben. Nachdem Polo ja nicht mehr olympisch ist, hatte Argentinien zu Beginn der Spiele im Grunde nur die Fußballer als Goldhoffnung, vielleicht noch die Hockeyspielerinnen. Aber dass der Vizeweltmeister im Basketball den Dauerolympiasieger USA schlagen könnte, damit hatte niemand gerechnet. Doch Argentinien schaffte die Sensation im Halbfinale und gewann anschließend auch das Finale gegen Italien. Emanuel Ginobili, einziger argentinischer Spieler in der nordamerikanischen Profiliga NBA, fasste das argentinische Wochenende passend zusammen: „Es ist richtig schwierig, meine Gefühle zu beschreiben. Ich möchte schreien und gleichzeitig lachen. Ich kann es gar nicht erwarten, heimzukommen und die Freude in den Gesichtern der Menschen zu sehen.“

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