Sport : Schritt für Schritt

Der Tanzsport hat sich verändert: Bei der WM heute in Berlin ist vor allem die Fitness entscheidend

Anke Myrrhe

Berlin - Wenn heute die Weltmeisterschaft über zehn Tänze in der Max-Schmeling-Halle ausgetragen wird, so findet diese nicht zufällig in Berlin statt. Deutschland blickt auf eine lange Tradition im Tanzsport zurück, die nicht erst mit den amtierenden Weltmeistern über zehn Tänze Christoph Kies und Blanca Ribas Turón begann. Bereits in den siebziger Jahren wurden die Berliner Max-Ulrich Busch und Renate Hilgert Weltmeister in dieser Disziplin.

Seither hat sich im Tanzsport einiges verändert, vor allem was die Freiheit in der Gestaltung angeht. Max-Ulrich Busch erinnert sich, dass er und seine Partnerin sehr eingeschränkt waren. „Gerade im Standardtanz hat sich viel verändert. Die Tänzer haben mehr Freiheiten, was die Kombinationen von Elementen angeht, können eigene Choreographien ausarbeiten und rhythmische Varianten einfügen.“ Früher sei es beispielsweise üblich gewesen, den Standardtanz mit einer bestimmten Figur einzuleiten, „heute macht das jedes Paar, wie es will“, sagt Busch.

Gerade der Sieg über zehn Tänze ist inzwischen mit einer großen konditionellen Leistung verbunden. 42 Tänze werden die Finalpaare bei der heutigen Weltmeisterschaft tanzen, ohne körperliche Fitness ist das nicht zu leisten.

Wie die amtierenden Weltmeister Christoph Kies und Blanca Ribas Turón waren Max-Ulrich Busch und Renate Hilgert in ihrer aktiven Zeit zunächst Amateure und holten die Weltmeistertitel über zehn Tänze in den Jahren 1979 bis 1981, bis sie sich auf Standardtänze konzentrierten und zu den Profis wechselten.

Das Trainingspensum allerdings war damals schon ebenso hoch wie heute. Mindestens fünfmal in der Woche und drei Stunden am Tag, das haben auch Busch und Hilgert in den 70er Jahren absolviert, wenn auch weniger Kraft- und Fitnesstraining als heute auf dem Programm stand. „Das Tanzen selbst hat sich unglaublich weiterentwickelt“, sagt Michael Eichert, Sportwart des Deutschen Tanzsportverbands (DTV). „Aber an der Einstellung und am Trainingsaufwand hat sich kaum etwas geändert.“

Verändert hat sich allerdings die Förderung. Busch und Hilgert wurden zwar schon in den 70er Jahren von der Deutschen Sporthilfe unterstützt, aber das Geld reichte eigentlich nie. In Berlin wohnten sie noch bei ihren Eltern. Renate Hilgert nähte ihre Kleider selbst und verkaufte sie dann nach einem halben Jahr weiter. „Wir haben uns immer so durchgeschlagen“, sagt Busch. Heute sei da vieles einfacher. „Die Förderung durch die Verbände ist wesentlich umfangreicher als früher“, sagt Michael Eichert.

Vor allem hat sich der Sport international verbreitet. Vor zwanzig Jahren war England zumindest im Standardtanz das Maß aller Dinge. Auch Busch und Hilgert haben die Hälfte des Jahres dort trainiert, weil die Trainer besser und die Konkurrenz größer war. „Jetzt ist das Tanzen auf allen fünf Kontinenten vertreten, knapp 80 Nationen weltweit sind organisiert“, sagt Michael Eichert, „auch wenn der Schwerpunkt immer noch in Europa liegt. Deutschland, Russland und Italien sind nun die führenden Nationen.“ In Deutschland sind derzeit 9500 aktive Paare gemeldet, hinzukommen die zahlreichen Formationstänzer, so dass der DTV auf 220 000 Mitglieder insgesamt kommt.

Busch und Hilgert geben nun wie viele andere Paare, die früher in England gelernt haben, ihre internationale Erfahrung in einer Tanzschule weiter. Sie übernahmen 1989 jene Tanzschule in Charlottenburg, in der sie 1969 begonnen hatten. Für sie hat sich der Kreis geschlossen. Christoph Kies und Blanca Ribas Turón sind noch nicht so weit. Ihnen soll heute erst einmal der dritte Weltmeistertitel in der Kombination gelingen.

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